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Wenn der Ginkgo mal wieder “duftet” … oder auch nicht

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Jedes Jahr Ende November das Gleiche: Man läuft, nichts ahnend, durch die Straßen von Tokyo, und plötzlich riecht es ganz stark nach Würfelhusten. Während ich früher bei solch einem olfaktorischen Attentat instinktiv auf den Boden schaute, um nicht irgendwo reinzutreten, blicke ich nun einfach nur kurz um mich herum – steht irgendwo ein grell gelblich leuchtender Baum, dann steht der Übeltäter schon fest: Ein Gingko-Baum. Und das Geschlecht ist dann auch schon mal geklärt: Es ist ein weiblicher Baum. Der Geruch stammt nämlich von der Hülle, welche die kleinen Früchte umschliesst – diese enthält einen bemerkenswert hohen Anteil an Buttersäure. Die männlichen Bäume bilden keine Früchte und sind deshalb im Prinzip geruchsneutral.

In Tokyo gibt es geschätzt mehr als halbe Million Ginkgo-Bäume. Mancherorts gibt es regelrechte Alleen – so zum Beispiel im Meiji-Schrein im Stadtviertel Shibuya, aber auch in zahlreichen Wohngegenden. Damit ist es auch kein Wunder, dass das markante Blatt des Baumes Wahrzeichen der Stadt Tokyo ist. Aber warum sind diese Bäume, ursprünglich in China heimisch, in Tokyo dermassen beliebt? Dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Ein wichtiger Grund ist, dass de Bäume als äußerst resistent gelten – schlechte Luft, leichte Bodenverschmutzung, unregelmäßige Bewässerung – der Ginkgo kann einiges ab. Angeblich haben wohl etliche Ginkgo-Bäume im Stadtzentrum von Hiroshima den Atombombenabwurf überlebt. Ein weiterer, in der japanischen Stadtplanung wichtiger Aspekt ist die Tatsache, dass die Bäume schwer entzündbar sind – sie stehen also nicht sofort in Flammen, wenn es mal irgendwo brennt.

Der dritte Grund sind die Früchte – klar, mit ihrer Ummantelung riechen sie in der Tat penetrant, doch einmal gereinigt, kann man die Früchte essen, und das macht man in China und Japan auch gern. Der vierte Grund liegt im Spätherbst dann auf der Hand: Die Bäume sehen zur Herbstlaubfärbung einfach grandios aus. Da man nun aber nicht ganze Wohnviertel nach Buttersäure riechen lassen möchte, werden in selbigen meist männliche Bäume gepflanzt, während in Schreinen und Tempeln oft weibliche Bäume – wegen der Früchte – gepflanzt werden.

Der japanische Name für Ginkgo ist ein schönes Beispiel dafür, warum die japanische Schrift als kompliziertestes Schriftsystem der Welt gilt: Der Baum heisst 銀杏ichō und wird mit den gleichen Schriftzeichen wie in China geschrieben: Das erste Schriftzeichen bedeutet “Silber”, das zweite “Aprikose”, wobei sich der Name auf die Farbe der Früchte beziehen wird. Die Früchte hingegen heissen in Japan 銀杏Gin’an. Ganz recht: Bäume und Früchte werden mit exakt den gleichen Schriftzeichen geschrieben – aber völlig anders gelesen. Die Lesung “GIN’AN” ist dabei “logisch”, denn das erste Zeichen wird in der Tat “GIN”, das zweite “AN” gelesen. Die Lesung “ICHŌ” ist absolut “unlogisch”, denn beide Zeichen werden nie “I” oder “CHŌ” gelesen. Die (plausibelste) Erklärung: Die zweigliedrigen Blätter ähneln Entenfüssen, weshalb der Baum früher in China auch 鴨脚yājiǎo genannt wurde – daraus entwickelte sich möglicherweise das “ichō”.

Ginkgo-Alllee im Norden von Yokohama Ginkgo-Alllee im Norden von Yokohama…
... diese Bäume sind in der Regel männlich und damit geruchsneutral … diese Bäume sind in der Regel männlich und damit geruchsneutral

Die Verarbeitung ist nicht ganz ohne: Schliesslich muss man das übelriechende Fruchtfleisch entfernen und die harten Schalen knacken – das erreicht man zum Beispiel, indem man die Früchte in eine Tüte packt und darauf herumtritt. Danach pult man das Fruchtfleisch ab – am besten in Wasser und mit Handschuhen, da es sonst zu Hautkomplikationen kommen kann. Die Kerne werden dann gekocht oder anderweitig erhitzt.

Die meisten essen die Kerne geröstet, aber sie schmecken auch hervorragend in Chawanmushi, einer beliebten Eierspeise. Hier ist allerdings Vorsicht geboten, denn die Ginkgo-Früchte sind die vegane Version der Kugelfische – sie enthalten eine ordentliche Menge Ginkgotoxin, ein Nervengift, das zwar pharmakologisch sehr wertvoll ist, aber es ist eben die Menge, die das Gift macht: Die Nüsse sind sowohl für Haustiere als auch für kleine Kinder stark giftig.

Und weil es so schön ist, an dieser Stelle auch noch das Gedicht “Gingo Biloba” von Johann Wolfgang von Goethe, dem es die seltsame Blätterform offensichtlich sehr angetan hat:

Gingo biloba

Dieses Baums Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Giebt geheimen Sinn zu kosten,
Wie’s den Wissenden erbaut,

Ist es Ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
Daß man sie als Eines kennt?

Solche Frage zu erwidern,
Fand ich wohl den rechten Sinn,
Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Daß ich Eins und doppelt bin?

tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

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