TohokuAkitaKazuno - mysteriöse Steinkreise und das famose Hachimantai-Gebirge

Kazuno – mysteriöse Steinkreise und das famose Hachimantai-Gebirge

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Region: 東北 Tōhoku
Präfektur: Akita 秋田
Rang 3 von 5 Sternen: Durchaus sehenswert
Name Kazuno. 鹿 („KA, shika“) bedeutet „Reh“ und („KAKU, kado, tsuno“) bedeutet „Horn“ (aber auch Ecke). Die wörtliche Übersetzung wäre also „Rehhorn/Geweih“. Zur Namensentstehung gibt es zwei Theorien – die eine besagt, dass der Ort früher anders (上津野, „Ober – Hafen – Feld“) geschrieben wurde und irgendwann die jetzigen Schriftzeichen benutzt wurden. Die andere besagt, dass der Yoneshiro-Fluss nebst Nebenflüssen von den Bergen aus einem Rehgeweih ähnelt. Kazuno wird übrigens mit Hiragana „かづの“ geschrieben und nicht „かずの“ (die Lesung ist die gleiche — in fast allen Fällen wird im Japanischen „zu“ jedoch „ず“ geschrieben).
Lage Kazuno liegt im Nordosten der Präfektur Akita und fast genau in der Mitte des Dreiecks MoriokaAkitaAomori. Letztere ist mit gut 90 Kilometern Entfernung die nächstgelegene Großstadt. Kazuno liegt gute 600 Kilometer nördlich von Tokyo.
Ansehen Das Stadtzentrum ist nicht sonderlich attraktiv. Die Stadt eignet sich jedoch als Sprungbrett für einen Abstecher in die Hachimantai-Berge im Süden, den Towada-See im Norden sowie die nahegelegenen Hachimantai-Berge.

Kazuno ist eine Stadt, die erst 1972 entstand – durch eine Gebietsreform, bei der drei Dörfer und eine „machi“ (japanische Verwaltungseinheit zwischen Dorf und Stadt) zusammengelegt wurden. Das Ergebnis ist eine über 700 Quadratkilometer große Stadt mit rund 27’000 Einwohnern. Die Bevölkerungsdichte liegt damit bei weniger als 40 Einwohnern pro Quadratkilometer und somit weit unter dem japanischen Durchschnitt.

Das ist kein Wunder — das Klima der Umgebung ist beinahe schon kontinental, mit großen Temperaturunterschieden innerhalb eines Tages und innerhalb des Jahres. Temperaturen unter -15 Grad kommen schon mal vor – ebenso Temperaturen von 35 Grad und mehr im Sommer. Dazu fallen in den 4 Wintermonaten insgesamt knapp 6 Meter Schnee. Das Klima wird begünstigt durch die topgraphische Lage – ein Großteil der Stadt liegt im Hanawa-Talkessel und ist so von fast allen Seiten von hohen Bergen umgeben. Der Talkessel wird durch den Yoneshiro-Fluss und seine Nebenflüsse geprägt. Der Fluss fliesst von hier gen Westen zum Japanischen Meer. Durch den Wasserreichtum kann hier Reisanbau betrieben werden, aber es werden auch andere Sachen – zum Beispiel Äpfel – angebaut.

Hauptstrasse von Kazuno
Hauptstrasse von Kazuno
Alte Einkaufsmeile von Kazuno
Alte Einkaufsmeile von Kazuno

Das fruchtbare Tal ist nachweislich schon seit ein paar Jahrtausenden bewohnt — mehr dazu siehe unten. In der Edo-Zeit wurde das Gebiet vom Nambu-Clan regiert, der damals erst seinen Sitz in Hachinohe und später in Morioka hatte. Nach der Auflösung der Lehen (Han) und der Schaffung von Präfekturen gehörte die Gegend erst zur Präfektur Hachinohe, doch wenig später wurde sie Teil der neu geschaffenen Präfektur Akita.

Seit nunmehr schon Jahrzehnten kämpft Kazuno wie viele andere ländlichen Gemeinden auch mit einem Bevölkerungsrückgang. Um 1970 lebten noch mehr als 50’000 Menschen hier — 2023 waren es nur noch etwas mehr als die Hälfte. Das liegt zum einen an der niedrigen Geburtenrate und der Landflucht, aber auch am Ende des Bergbaus in der Region. Rund 1’300 Jahre lang, vom 8. Jahrhundert bis 1978, wurde in der 尾去沢 (Osarizawa)-Mine Kupfererz geschürft. Während des 2. Weltkrieges beschäftigten die Minen knapp 5’000 Arbeiter, doch in den 1970ern waren die Reserven nahezu erschöpft, und der Verfall des Kupferpreises auf dem Weltmarkt machte den weiteren Abbau unrentabel. Der größte Arbeitgeber der Region war somit auf immer verschwunden.

Am Bahnhofsvorplatz von Kazuno
Am Bahnhofsvorplatz von Kazuno
Das klobige Park Hotel in Kazuno
Das klobige Park Hotel in Kazuno

Das Stadtzentrum von Kazuno beginnt östlich des Bahnhofs – ein paar hundert Meter weiter östlich befindet sich die teilweise überdachte Einkaufsstraße ハオミングロード Humming Road – doch dieser Hauptstraße ist der Bevölkerungsschwund stark anzumerken – nicht wenige Häuser stehen leer und etliche Geschäfte haben für immer geschlossen. Schuld daran ist allerdings wie so oft in Japan nicht nur die schwindende Bevölkerung, sondern auch die modernen Einkaufszentren außerhalb der Innenstadt. Trotz allem hat die Innenstadt von Kazuno jedoch einen gewissen Dornröschencharme.

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Ōyu-Steinkreise 大湯環状列石

Gute 10 Kilometer nördlich vom Stadtzentrum von Kazuno befindet sich eine der in Japan am wahrscheinlich wenigsten bekannten UNESCO-Weltkulturerbestätten. 2021 entschied die UNESCO, insgesamt 14 archäologische Stätten in Nordjapan (genauer gesagt in Hokkaido, Akita, Aomori und Iwate) unter dem Namen „Prähistorische Stätten der Jomon-Ära in Japan“ als Weltkulturerbe einzutragen. Was UNESCO-Weltkulturerbestätten anbelangt, war dies der 20. Eintrag.

Im Jahr 1931 wurden Archäologen auf konzentrische Steinkreise aufmerksam – insgesamt gibt es zwei große Kreise mit insgesamt rund 6’450 Steinen. Der größere Kreis hat einen Durchmesser von 52 Metern und wird 万座Manza genannt (so heißt die Gegend rund um die Steinkreise), der zweite Steinkreis befindet sich auf der anderen Seite der Straße und hat einen Durchmesser von gut 40 Metern. Dieser wird 野中堂Nonakadō. Am Manza-Kreis fand man bisher rund 105 Grabstellen, am Nonakadō 50. Beide Kreise sind rund 3500 bis 4000 Jahre alt.

Ōyu-Steinkreise von Kazuno
Ōyu-Steinkreise von Kazuno
Nachbauten von Hütten der Jomon-Zeit
Nachbauten von Hütten der Jomon-Zeit

Die Stätte selbst war wahrscheinlich schon seit der Edo-Zeit bestand, was die Menschen zu jener Zeit jedoch nicht daran hinderte, einen Handelsweg quer durch den Nonakadō-Kreis zu errichten und dabei störende Steine zu verlegen. Richtige Ausgrabungen begannen erst 1931, und dabei stieß man unter anderem auf rund 100 Gruppen von Löchern, wobei jede Gruppe aus entweder 4 oder 6 Löchern bestand. Sehr wahrscheinlich standen in diesen Löchern einst Pfähle, und die Zahl und Konstellation deutet darauf hin, dass hier Hütten standen, wie man sie auch von den Ainu aus Hokkaido kannte. Der Boden zwischen diesen Löchern ist jedoch so gut wie gar nicht verdichtet, was wiederum bedeutet, dass die Hütten sehr wahrscheinlich nicht zum Wohnen benutzt wurden.

Die Kreise sind in beiden Fällen Doppelkreise, und im Inneren befinden sich ebenfalls diverse Ansammlungen von Steinen. Archäologen gehen davon aus, dass es sich um astronomisch bedeutsame Konstellationen handelt, anhand derer die Vorfahren erkennen konnten, wann sich welche Jahreszeit und damit welche Ernte- und Beutezeit nähert. Verbindet man zum Beispiel die Mittelpunkte der beiden Steinkreise mit einer Linie, so deutet diese exakt auf den Ort, an dem bei der Sommersonnenwende die Sonne aufgeht.

Teil der Ōyu-Anlage
Teil der Ōyu-Anlage
Der kleinere Nonakadō-Steinkreis von Ōyu
Der kleinere Nonakadō-Steinkreis von Ōyu

Die Gräber weisen darauf hin, dass die Stätte sicherlich auch eine religiöse Bedeutung hatte. Bei Ausgrabungen fand man unter anderem zahlreiche Lehmtafeln mit Symbolen, Steinketten, Steinschwertern und dergleichen. Vor rund 4000 Jahren  war man in Japan noch weit von der Metallverarbeitung entfernt, weshalb man in Kazuno auch keine metallenen Gegenstände findet.

Die Ōyu-Steinformationen liegen entlang der sogenannten 先住民Senjūmin仲通nakadōri, der „Straße der Ureinwohner“, die sich von hier bis nach Hokkaido zieht. Die Lage der Steinkreise von Kazuno ist dabei sehr günstig – der namensgebende Ōyu-Fluss liegt sehr nahe, und dort gab es früher unter anderem auch Lachse.

Mit der Ernennung zum UNESCO-Weltkulturerbe kommt auch Verantwortung — die UNESCO fordert zum Beispiel, dass die Straße, die zur Zeit beide Steinkreise voneinander trennt, verschwinden muss – sonst droht die Streichung von der Liste. Daran wird wohl auch gearbeitet, aber das kann noch eine Weile dauern.

In der Nähe der Steinkreise befindet sich ein kleines Museum, in dem einige der dort gefundenen Artefakte ausgestellt werden. Bei den Steinkreisen selbst gibt es einen provisorischen Parkplatz – und ansonsten absolut gar nichts. Meistens sind aber 1, 2 Freiwillige vor Ort, die geduldig alles erklären (allerdings nur auf Japanisch).

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Hachimantai 八幡平

Im Südosten der Stadt Kazuno und rund 40 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt befindet sich das kleine Hachimantai-Massiv, welches zu den 100 berühmtesten Bergen Japans gehört. Der Hauptgipfel ist 1’613 m hoch und gehört zu den mit am leichtesten erreichbaren Gipfeln Japans, denn auf rund 1’500 m Höhe befindet sich ein großer Parkplatz nebst Rasthaus — von dort sind es gerade mal 20 gemütliche Minuten zu Fuss bis zum Gipfel. Die Straße dorthin nennt sich 八幡平アスピーテライン — Hachimantai Aspite Line — diese Straße verbindet die Präfektur Akita mit der Präfektur Iwate, und aufgrund der Schneemassen im Winter ist die Straße nur von Mitte April bis Mitte November befahrbar. Im April und Mai fährt man dabei streckenweise an meterhohen Schneewänden vorbei.

Ōfukuzawa-Aussichtspunkt am Hachimantai
Ōfukuzawa-Aussichtspunkt am Hachimantai
Sogenannte Drachenaugen - Firneis am Hachimantai im Juli
Sogenannte Drachenaugen – Firneis am Hachimantai im Juli

Beim Hachimantai handelt es sich im Prinzip um eine ganze Gruppe von Vulkanen im Ōu-Gebirge. Obwohl es keine Aufzeichnungen über einen Vulkanausbruch in den vergangenen Jahrtausenden gibt, gilt er dennoch als aktiver Vulkan – die japanische Definition eines aktiven Vulkans ist die, dass der Vulkan in den vergangenen 10’000 Jahren aktiv gewesen sein muss und auch heute noch geothermale Aktivitäten wie heiße Quellen oder andere Fumarolen vorhanden sein müssen.

Am und unterhalb des Gipfels kann man ein interessantes Phänomen beobachten – das „Dragon Eye“, also das „Drachenauge“. Unterhalb des Gipfels gibt es mehrere kleine Seen, darunter den Kagaminuma, den „Spiegelsee“. Dieser friert im Winter zu und taut von Mai bis Juni auf, aber auf merkwürdige Art und Weise — die Seeränder und die Seemitte bleiben lange Zeit zugefroren und aufgrund des Schnees weiss, doch rund um die Seemitte taut das Wasser auf und ist aufgrund des Eises im Untergrund türkisfarben.

Selbst im Juli kann man noch unterhalb des Gipfels hier und da Firneis sehen – es ist hier also auch im Sommer vergleichsweise kühl. Und bei guter Sicht kann man von hier sogar den Chokaisan sehen.

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Anreise

Direkt neben der Innenstadt befindet sich der sehr kleine Bahnhof 鹿角Kazuno花輪Hanawa. Hier verkehren seit 1923 Züge der JR Hanawa-Linie. Die 107 Kilometer lange Eisenbahnlinie verbindet Kōma in der Nachbarpräfektur Iwate mit der Stadt Ōdate südöstlich von Kazuno. Von Kōma kommt man dann mit einer Linie weiter nach Morioka und Hachinohe — beides Stationen an der Tohoku-Shinkansenlinie.

Der Bahnhof von Kazuno
Der Bahnhof von Kazuno

Von Tokyo braucht man mit der schnellsten Verbindung knapp 4 Stunden nach Kazuno, indem man mit dem Shinkansen bis Morioka fährt und von dort mit dem Bus nach Kazuno. Wer auf den Zug besteht, ist rund 7 Stunden unterwegs.

Über die Zukunft der Hanawa-Linie muss man sich wahrscheinlich irgendwann Sorgen machen – obwohl Kazuno ein größerer Ort ist, steigen hier im Schnitt gerade mal 200 Menschen pro Tag in den Zug.

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Übernachtung

Nach Kazuno finden nur sehr wenige Besucher — das Angebot ist deshalb stark begrenzt. Das mit Abstand größte Hotel im Zentrum ist das Park Hotel (siehe oben).

Zu allgemeinen Übernachtungstipps siehe Übernachtungstipps Japan

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tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

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