BlogStreik im Kaufhaus -- eine Seltenheit

Streik im Kaufhaus — eine Seltenheit

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“Papa, was ist ein Streik”? verlangte mein Jüngster gestern plötzlich zu wissen. Für einen 12-jährigen in Deutschland wäre das sicher eine seltsame Frage, schließlich streikt in Deutschland gefühlt immer irgendwo irgendjemand. In Japan hingegen sind Streiks eine echte Seltenheit, doch morgen soll es tatsächlich dazu kommen: Die rund 900 Beschäftigten des gewaltigen Sogo/Seibu-Kaufhauses in Ikebukuro wollen den Laden für einen Tag schließen. Das letzte Mal, das ein großes Kaufhaus in Japan bestreikt wurde, war 1962 (!), als die Belegschaft eines Hanshin-Kaufhauses die Arbeit niederlegte.

Der Streikgrund ist in diesem Fall kein Unbekannter. Das Kaufhaus, eines von zweien am Bahnhof Ikebukuro, gehört dem Einzelhandelsgiganten Seven & I Holdings, Betreiber der 7-Eleven Convenience Stores. Doch der Onlinehandel und ein paar weitere Faktoren setzen den großen Kaufhäusern kräftig zu, weshalb der jetzige Besitzer das prestigeträchtige Objekt an eine amerikanische Investmentfirma verkaufen will. Die Belegschaft befürchtet nun Entlassungen und andere drastische Maßnahmen, weshalb die Gewerkschaft darum bat, den Verkauf des Hauses nicht zu übereilen. Doch Seven & I Holdings denkt bisher gar nicht daran, weshalb es nun zum Streik kommt.

Der Verkaufspreis des Seibu-Kaufhauses steht schon lange fest — 1,37 Milliarden US-Dollar. Doch es gibt erheblichen Widerstand nicht nur seitens der Gewerkschaft, sondern auch der Anwohner und der Stadtteilverwaltung, weil man befürchtet, dass das edle Kaufhaus, salopp gesagt, zu einem Ramschladen mit schlechtem Service umgebaut wird. So gibt es Pläne, einen Teil des Kaufhauses an den Nachbarn Yodobashi Camera abzugeben. Das Seibu würde so in seiner jetzigen, leicht luxuriösen Form aufhören, zu existieren.

Streiks, auf japanisch ストライキsutoraiki genannt, sind generell in Japan in den vergangenen Jahrzehnten sehr selten geworden – sowohl die (relativ wenigen) Gewerkschaften als auch die Arbeitgeber versuchen in der Regel, den Kunden jedwede Unannehmlichkeiten zu ersparen. In dem Sinne ist der morgige Streik eine kleine Sensation.

tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

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