Auf meinem Weg zum Büro, von Shibuya bis Hiroo, komme ich tagtäglich an einer kleinen Fabrik vorbei, die mich jedes Mal aufs Neue erstaunt. Zum einen, weil es wirklich eine richtige, kleine Fabrik ist – in einem Gebiet, in dem es sonst nur Wohn- und Bürohäuser, Geschäfte, Tempel und Universitäten gibt. Sie passt dort partout nicht hinein. Zum anderen, weil alle Betriebsgebäude extrem baufällig aussehen. Es handelt sich um eine typische 町工場, eine kleine Fabrik mitten in der Stadt – ein Begriff, der in Japan normalerweise positiv konnotiert ist, bilden doch diese kleinen, meist familiengeführten Unternehmen doch das Rückgrat der japanischen Wirtschaft. Doch viele von ihnen stellen zweifelsohne auch eine Gefahr dar – vor allem diese hier, denn auf dem Firmenschild steht unter anderem “Chemische Fabrik”. Auf der dürftigen und alten Webseite steht, dass die Firma 1949 aus einer Zusammenlegung entstand und auf technische Gase spezialisiert ist – und seit 1958 auf Gase, die bei der Halbleiterstellung benötigt werden. Dazu gehören SiH₄ (Silan, ein farbloses und hoch entzündliches Gas), NF₃ (Stickstofftrifluorid, brandfördernd und gesundheitsschädlich) und noch ein paar andere Gase, wobei nicht ganz klar ist, ob nun zum Beispiel exakt diese beiden Gase mitten im Wohngebiet im Stadtzentrum von Tokyo hergestellt werden. Auf der Webseite wird zudem erwähnt, dass man JCSS-lizensiert ist und sich an die strengen NIST-, ISO 9001, ISO 9002 und andere Industriestandards hält. Die jetzige Fabrik wurde laut Webseite im Jahr 1952 nach Shibuya, zum jetzigen Ort, verlegt.
Doch Shibuya (beziehungsweise Hiroo) 2026 ist nicht Shibuya 1952. Gute Luftbilder aus der Vergangenheit sind rar, aber hier ein kleiner Vergleich, wie es rund um die Fabrik im Jahr 1950 aussah – und wie es heute aussieht.
Was erkennt man auf den Bildern? Nun, offensichtlich war das Wegenetz in der heutigen Form bereits in den 1950ern angelegt, doch die Gegend rund um den Shibuya-Fluss (untere Hälfte, das waagerechte dunkle Band) war völlig unbebaut. Die Gegend lag zu der Zeit noch an der Peripherie von Tokyo. Ausser Feldern, ein paar Wälder, hier und da ein Schrein oder ein Gehöft gab es damals noch nicht viel, doch man kann erkennen, dass auf dem heutigen Fabrikgelände bereits etwas entstanden ist oder im Entstehen ist. Mitte der 70er dann sieht die Sache dann schon ganz anders aus: Alles ist plötzlich dicht bebaut, und zwar mit zahllosen kleinen Wohnhäusern – mit der Fabrik in der Mitte von allem. 2026 wiederum ist kaum noch etwas, wie es 1975 war: Nahezu alle kleinen Häuser sind verschwunden – sie wurden durch 6- bis 10-stöckige Wohn- und Bürohäuser ersetzt. Das einzige, was sich nicht geändert hat, ist die Fabrik – und die sieht nach nun circa 50 Jahren so aus:
Jedem, der ein bisschen in Japan gelebt hat, wird der Anblick vertraut vorkommen, denn Bauten dieser Art findet man praktisch überall. Aufgund der hohen Luftfeuchtigkeit und der vielen Niederschläge verwittert der Putz auch anders als in Deutschland zum Beispiel, aber man kann an den Fotos gut erkennen, dass an diesen Gebäuden seit mehreren Jahrzehnten einfach gar nichts gemacht wurde: Die Gebäude sind allesamt alt, baufällig und schief. Das ist ja gut und schön, aber eins möchte man auf solchen Gebäuden nicht lesen: “Chemicals”. Auf jeden Fall war mir die Fabrikanlage schon immer suspekt, denn “sicher” und “in Einklang mit strengen Richtlinien” sieht anders aus. Spätestens beim nächsten großen Erdbeben geht das Ding hoch oder stürzt in sich zusammen – dieser Gedanke geht mir jedes Mal durch den Kopf, wenn ich daran vorbeilaufe.
Gestern schien es – Spoileralarm! – beinahe so weit gewesen zu sein. Plötzlich donnerten mehr als 10 Feuerwehren an meinem Büro vorbei, in kürzester Zeit. Und die sind in der Stadt sehr laut, da sie zusätzlich zu den Sirenen auch permanent durch Lautsprecher brüllen, dass die Leute die Kreuzungen freimachen sollen. Das ist sinnvoll, denn bei der enorm dichten Bebauung in Japan zählt wirklich jede Minute, sonst stehen schnell mal mehr als 100 Häuser in Flammen. Doch kurz nachdem die Feuerwehren an uns vorbeifuhren, verstummten auch schon die Sirenen. Jetzt war nur noch ein Hubschrauber zu hören, der ständig über unser Gebiet kreiste. Der Brand musste also sehr nahe sein – und siehe da, er geschah direkt an der Fabrik. Der Nachrichtenticker vermeldete dazu, dass drei Menschen auf dem Dach des Fabrikgeländes ständen und um Hilfe riefen. Doch was brannte da nun eigentlich? Das konnte ich am nächsten Morgen auf dem üblichen Weg zur Arbeit sehen:
Die gesamte Ostseite des Hauptgebäudes der Fabrik ist mit Kletterpflanzen bedeckt – ob gewollt oder nicht, sei dahingestellt. Im Sommer wirkt das wie eine gewaltige, grüne Wand, die da die verschimmelten Mauern nett bedeckt. Doch im Winter ist es in Tokyo knockentrocken – dann ist alles Grün verschwunden, und was bleibt, ist trockenes Gestrüpp. Und genau das stand gestern in Flammen. Da die meisten Fenster noch da sind, scheint sich der Brand nicht nach innen ausgebreitet zu haben – es gab deshalb auch keine Toten oder Verletzten. Aber es hätte schnell schlimmer kommen können, wären da nicht sofort 20 Feuerwehren, so zumindest die Nachrichten, vor Ort gewesen.
Der Grund des Feuers war dann auch schnell gefunden: Direkt vor der Mauer befindet sich ein Parkplatz, und dort geriet gestern ein Auto – ein ziemlich teures sogar – in Flammen, die sich dann schnell auf die Mauer mit dem trockenen Gestrüpp ausbreiteten.
Dieses Mal ist also alles glimpflich verlaufen – ich halte die Fabrik, ob sie nun noch technische Gase herstellt oder nicht, für eine große Gefahr – und wundere mich, ob hier wirklich Brandschutzmaßnahmen überprüft werden. Man muss zudem kein Statiker sein, um zu erkennen, dass die Gebäude bereits auffällig krumm und schief sind – und laut Nachrichten arbeiteten gestern zum Zeitpunkt des Feuers 26 Menschen in dem Gebäude. Wohl fühlen würde ich mich da nicht. Warum das Ehepaar, welches die Firma leitet, das Grundstück nicht verkauft und sich woanders niederlässt, ist ein Rätsel – mit hoher Wahrscheinlichkeit gehört ihnen nämlich das Grundstück, und das dürfte heute viel mehr wert sein als die Kosten, eine neue Fabrik am Stadtrand zu bauen.








