BlogDas neue Kyoto-Protokoll oder Gastfreundschaft auf Kyoto-Art

Das neue Kyoto-Protokoll oder Gastfreundschaft auf Kyoto-Art

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Just tauchte in den sozialen Medien1 ein kurioses Foto aus Kyoto auf – der Besitzer eines Restaurants hängte einen Zettel an die Außentür, auf dem sowohl auf Englisch als auch auf Chinesisch verkündet wird, dass es keine freien Plätze im Lokal gibt, was natürlich vor allem in Kyoto gut der Fall sein kann. Das Pikante an dem Schild: Unter diesen Aussagen steht, in wesentlich kleinerer Schriftgröße und nur auf Japanisch, folgendes geschrieben:

このkono日本語nihongoga読めるyomerukatahago入店nyūtenくださいませkudasaimase

– auf Deutsch: “Treten Sie ruhig ein, wenn Sie dieses Japanisch lesen können”. Das ist natürlich clever. Schließlich diskrimiert man Ausländer damit nicht per se – sondern nur solche, die Japanisch nicht lesen können. Das Schild wird nun genüßlich auf den üblichen japanischen Plattformen diskutiert. Viele werfen ein, dass man aufgrund von Google Lens so wohl nicht vom Eintritt abhalten kann. Andere fordern, dass diese Schilder an allen Restaurants hängen sollten – doch genau diese Leute vergessen, dass einst Heerscharen sehr leidlich ausländisch sprechender Japaner in alle größeren wie kleineren Städte Europas einfielen und dort einiges an Chaos hinterliessen. Damit sind nicht nur Kommunikationsmassaker gemeint, sondern auch überflutete Hotelbadezimmer und dergleichen. Wenn damals Maschen aufgedeckt wurden, bei denen vor allem Japaner über den Tisch gezogen wurden, war der Aufschrei auch groß. Andere Kommentare besagten so viel wie “Typisch Kyoto” oder “das neue Kyoto-Protokoll” – denn die Bewohner der alten Kaiserstadt gelten allgemein als misstrauisch und unfreundlich gegenüber Fremden (egal ob sie aus Tokyo kommmen oder aus dem Ausland). Von außerhalb betrachtet klingt es meist so, als ob die Bewohner das Gegenteil dessen meinen, was sie sagen – sagt ein Kyoto-Bewohner also “Das Kleid steht Ihnen aber gut” bedeutet das eher “Sie trauen sich ja was, sowas anzuziehen” (für Japanischsprecher ab N2 aufwärts – hier gibt es ein wunderschönes, sehr amüsantes Kyoto-isch-Japanisches-Wörterbuch).

Doch wie sagt man so schön im englischen Sprachraum: Ob man dem Schwein nun Lippenstift aufträgt oder nicht, Diskriminierung bleibt Diskriminierung, und als solches ist der Fetzen natürlich verwerflich. Denn so viel steht fest: Hier geht die so berühmte japanische Gastfreundlichkeit endgültig flöten.

  1. wohl zuerst hier, auf X
tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

4 Kommentare

  1. Dazu zwei kleine Anekdoten – der Satz “Wollen Sie nicht noch einen Tee, bevor Sie gehen?” ist “Kyoto-isch” fuer das, was im Klartext “Hau endlich ab!” bedeutet…

    Und wenn ich die leidige Frage hoere, ob es fuer meine Frau (Japanerin) nicht schwer sei, mit einem Gaijin verheiratet zu sein, entgegne ich nur “Es waere sicher schwerer fuer sie, in eine traditionelle Familie in Kyoto eingeheiratet zu haben!”, worauf ich oft zustimmende Kommentare kriege…

  2. Siehe 1, ist von Oktober, wurde schon leidlich diskutiert. In Kyoto (oder auch Japan) gibt es viele kleine Restaurants und Gaststätten, die gut besucht und nicht auf Touristen angewiesen sind. Touristen sind halt manchmal laut, benehmen sich manchmal daneben und schweben oft so in einer Parfümwolke daher. Da frag ich mich, was für ein Schild wär denn passend, wo man sagt, wir möchten hier gerne unter uns in Ruhe essen. Egal was jemand schreibt, irgendjemand motzt immer auf den sozialen Kanälen. Nachdem ich drauf geachtet habe, sehe ich jetzt oft Schilder mit “voll, ausgebucht” oder “nur mit Reservierung”. Denke das ist die einfachste Art auszusieben ,also jetzt nicht nur ausländ. Touristen aber auch jap. Touristen lassen sich durch so ein Schild wohl abschrecken, einfach reinzulatschen. Und dieses Kyoto-Bashing, ich weiß nicht, habt ihr doch auch in Tokyo, wenn man im Winter im T-shirt kommt, fragen einen die Leute ” ist dir nicht kalt”, was bedeutet, du bist völlig unpassend angezogen.

  3. Hi Matthias,

    jetzt muss ich doch mal wieder einen Dank dalassen. Ich lese nicht mehr viele Blogs, aber deine Beiträge ohne Ausnahme alle. Ich mache mein feedly sogar eigentlich fast nur auf um zu schauen, ob du etwas Neues geschrieben hast und freue mich dann immer sehr, dass du nach wie vor deinem regelmäßigen Rhythmus folgst.
    Obwohl du ja bereits schon angemerkt hast, dass die Leserzahlen- wie wohl bei den meisten Blogs – rückgängig sind, hoffe ich, dass du uns noch lange mit neuen Beiträgen erfreust!

    Viele Grüße aus einem kalten Berlin,
    Fabian

    PS: wenn man auf deinen Autornamen oben im Artikel klickt (By: Tabibito) landet man auf einer 404-Seite.

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