ChugokuHiroshimaŌkunoshima - ehemalige Giftgasproduktionsstätte und Karnickelparadies

Ōkunoshima – ehemalige Giftgasproduktionsstätte und Karnickelparadies

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Region 中国 Chūgoku
Präfektur 広島県 Hiroshima
Rang 4 von 5 Sternen: Definitiv sehenswert
Name Der Name setzt sich aus den Schriftzeichen (DAI, TAI, ō-kii) für “groß”, (KYŪ, KU, hisa) für “früher”, (YA, no) für “Feld” und (TŌ, shima) für “Insel” zusammen.”Ō” bedeutet, dass das “O” lang gesprochen wird. Über die Entstehung gibt es keine eindeutige Erklärung – das “ku” kann auch “naga-i” gelesen werden, in der Bedeutung von “lang” (zeitlich) – möglicherweise soll der Name ausdrücken, dass die Insel lange Zeit braches Feld war.
Lage Ōkunoshima liegt in der Seto-Binnensee im Südosten der Präfektur Hiroshima, ziemlich genau zwischen Fukuyama und Hiroshima. Das Festland im Norden liegt nur gut 2 Kilometer Luftlinie entfernt. Die nächstgelegene, größere Insel ist Ōmishima und liegt nur gut 1 Kilometer im Süden entfernt. Diese Insel gehört bereits zur Präfektur Ehime auf der Insel Shikoku. Bis Hiroshima im Westen sind es gut 50 Kilometer Luftlinie, bis Onomichi im Nordosten sind es gut 20 Kilometer Luftlinie.

Ōkunoshima: Beschreibung

Wie viele Inseln es genau in der Seto-Binnensee zwischen Honshu und Shikoku gibt, ist gar nicht so leicht zu sagen, doch es sind mindestens 700 – und eine dieser Inseln ist das nur 0,7 Quadratkilometer große Eiland Ōkunoshima, die “Große Kuno-Insel”. Dementsprechend gibt es auch eine “Kleine Kuno-Insel” (Kokunoshima), rund einen Kilometer westlich. Okunoshima ist im Prinzip unbewohnt und landschaftlich gesehen keine allzu große Besonderheit – und dennoch besuchen bis zu 350’000 Menschen pro Jahr die kleine Insel. Dafür gibt es gleich zwei Gründe – Ōkunoshima ist einerseits bekannt als “Insel, die von den Karten verschwand”, denn hier wurde einst Giftgas hergestellt, und das war streng geheim, und andererseits als Insel, auf der mehrere hundert wildlebende Kaninchen zu Hause sind. Doch so viel vorweg: Gelegentlich wird behauptet, dass das Eine etwas mit dem Anderen zu tun hat, doch das ist nicht der Fall.

Die fast eiförmige Insel ist rund 1,5 Kilometer lang und knapp 800 Meter breit, bei einer Küstenlänge von gut 4 Kilometern – man kann Okunoshima also in rund einer Stunde umrunden, aber dazu braucht man ein Mindestmaß an Kondition, denn Straßen im eigentlichen Sinne gibt es nicht, und der Inselrundweg geht auf und ab – der höchste Punkt der Insel ist immerhin 108 Meter hoch. Während es im Süden ein paar ebene Flächen gibt, die unter anderem Sportanlagen Strände und einen Zeltplatz zulassen, ist der Norden eher von steilen Hängen geprägt.

Karte von Ōkunoshima

Rund um die Insel herrscht historischen Aufzeichnungen zufolge schon mindestens 1000 Jahre lang reger Schiffsverkehr.  Angeblich lebten eine Zeitlang sogar Piraten des Murakami-Clans auf der Insel – dieser Clan machte die Seto-Binnensee bis zum Jahr 1600 unsicher. Ansonsten blieb die kleine Insel unbewohnt – sie war einfach zu klein zur Besiedlung. 1896 errichtete man einen kleinen Leuchtturm – und 1902 begann das nun modernisierte und zur regionalen Macht aufstrebende Japan, hier eine kleine Festung zu bauen – die 芸予Geiyo要塞yōsai. Diese sollte Teil eines Festungsrings werden, der verhindern sollte, dass irgendeine fremde Macht ungefragt in die Seto-Binnensee eindringt. Lange hatte die Festungsanlage aber nicht bestand – zugunsten anderer Standorte wurde sie 1924 wieder aufgegeben.

In Sichtweite von Okunoshima liegen die Imabari-Hiroshima-Schiffswerften, in denen große Pötte gebaut werden
In Sichtweite von Okunoshima liegen die Imabari-Hiroshima-Schiffswerften, in denen große Pötte gebaut werden
Okunoshima kann sich auch rühmen, den höchsten Strommasten Japans zu beherbergen
Okunoshima kann sich auch rühmen, den höchsten Strommasten Japans zu beherbergen

So schön die Gegend rund um Okunoshima auch ist – von einer sehr naturbelassenen Gegend kann man nicht reden, denn in Sichtweite der Inseln liegt unter anderem der Hiroshima-Ableger von Imabari Shipbuilding, dem größten Schiffsbauer Japans. In der großen Werftanlage werden hochseetaugliche Containerschiffe und andere große Schiffe gebaut, die dann halbfertig unweit von Okunoshima vor Anker liegen.

Hinzu kommt noch eine Hochspannungsleitung, die hier Honshu mit Shikoku verbindet – zu diesem Zweck hat man auf Okunoshima den höchsten Strommasten ganz Japans gebaut – dieser ist immerhin 226 Meter hoch und damit einfach nicht zu ignorieren.

Seit 1893 steht ein kleiner Leuchtturm an der Nordspitze von Okunoshima – der heutige Turm ist von 1992.
Seit 1893 steht ein kleiner Leuchtturm an der Nordspitze von Okunoshima – der heutige Turm ist von 1992.
Fähranlegestelle #1 von Okunoshima – mit der zu Shikoku gehörenden Insel Ōmishima im Hintergrund
Fähranlegestelle #1 von Okunoshima – mit der zu Shikoku gehörenden Insel Ōmishima im Hintergrund

Heute ist die gesamte Insel eines von landesweit 35 休暇kyūkamura – der Begriff kennzeichnet ausgewiesene “Feriendörfer”. Diese gibt es seit 1961 in Japan, und sie kennzeichen Orte, die sich vor allem wegen der Natur besonders zur Erholung eignen. Diese Einrichtungen waren einst in staatlicher Hand, heute regelt eine für den Zweck gegründete, private Gesellschaft den Bau und Betrieb von Erholungsanlagen in den 35 Kyūkamura. In Ōkunoshima gehören ein Pool, ein Seebad, ein Campingplatz, Onsen, Fahrradverleih und ein paar Sportplätze zum Erholungsangebot.

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Giftgasmuseum- & Anlagen (Dokuガスgasu資料館shiryōkan施設shisetsu)

Der traurige Teil der Inselgeschichte begann am 19. Mai 1929 – dann nämlich wurde auf der Insel die 東京Tōkyōdaini陸軍rikugun造兵廠zōheishō忠海tadanoumi製造所seizōsho in Betrieb genommen: Hinter dem langen Namen “Waffenfabrik der 2. Heeresgruppe Tokyo Prodkutionsstätte Tadanoumi” verbarg sich der erste ernsthafte Versuch des kaiserlichen Japans, eigene Chemiewaffen zu entwickeln. Eng verbunden mit dieser Geschichte ist die ehemalige Chemischen Fabrik Dr. Hugo Stoltzenberg (CFS) in Eidelstedt, einem Stadtteil von Hamburg. Der Firmengründer beschäftigte sich seit dem 1. Weltkrieg mit chemischen Kampfstoffen. Zwar war Deutschland nach der Niederlage im 1. Weltkrieg der Besitz und die Produktion von Giftgas verboten, doch Stoltzenberg umging das Verbot, indem er einfach das Know-How und diverse Produktionsteile ins Ausland verkaufte. Japan beobachtete natürlich den Einsatz chemischer Kampfmittel während des Weltkrieges in Europa sehr genau und beschloss deshalb, eigene Chemiewaffen zu entwickeln. Besonderes Interesse hatte man an Senfgas, doch man stieß schnell an technische Grenzen, denn S-Lost, wie der Stoff (eigentliche eine Flüssigkeit und kein gas) ist stark korrosiv – die Anlagen zur Herstellung hielten der Substanz nicht stand. Aus diesem Grund lud Japan 1925 einen deutschen Chemiker names Dr. Friedrich Metzner nach Japan ein – dieser gehörte wohl zur Firma Stoltzenbergs. Dank dessen Hilfe wurden zu Hochzeiten bis zu 400 Tonnen Senfgas pro Monat produziert – außerdem noch je 50 Tonnen Lewisit, Diphenylarsincyanid (Blaukreuz), Blausäure sowie geringere Mengen CN-Reizstoffe und Phosgen.

Das kleine Giftgasmuseum bzw. -archiv auf der Insel Ōkunoshima
Das kleine Giftgasmuseum bzw. -archiv auf der Insel Ōkunoshima
Überreste der Giftgasproduktion- und Lagerung findet man auf der ganzen Insel verteilt
Überreste der Giftgasproduktion- und Lagerung findet man auf der ganzen Insel verteilt

Dr. Metzner half Japan in den folgenden vier Jahren dabei, die passenden Legierungen und Glasgeräte herzustellen, die für die Produktion von Senfgas (Yperit) unerlässlich sind. Ōkunoshima bot sich als Standort an: Die Insel war unbewohnt, hatte die ideale Größe und lag nah genug am Festland, um Material und Arbeitskräfte effizient zu bewegen – aber weit genug entfernt, um die Zivilbevölkerung nicht unmittelbar zu gefährden.

Auf der kleinen Insel arbeiteten schließlich bis zu 6.700 Menschen an der Giftgasproduktion, die meisten von ihnen zivile Angestellte aus der Umgebung. Laut Zeitzeugenberichten mangelte es an ausreichender Schutzkleidung; die vorhandene Ausrüstung war zudem von minderwertiger Qualität. Die Arbeiter schufteten oft in Schichten, bis sie physisch zusammenbrachen. Zudem mussten sie eine Geheimhaltungserklärung unterzeichnen, die ihnen unter Androhung von Kriegsgericht und Todesstrafe strikt untersagte, über die Vorgänge auf der Insel zu sprechen. Obwohl Japan das Genfer Protokoll von 1925 (das den Einsatz chemischer Waffen verbot) unterzeichnet, aber noch nicht ratifiziert hatte, hätten Berichte über die Produktion das internationale Ansehen massiv beschädigt.

Die Chemiewaffen von Ōkunoshima forderten auf beiden Seiten Opfer, am schwersten traf es jedoch die chinesische Seite. Die japanische Armee setzte Giftgas erstmals in großem Stil 1938 in der Schlacht um Wuhan ein; Schätzungen gehen von etwa 5.000 Todesopfern und der zehnfachen Menge an Verletzten aus. Auch 1941, in der Schlacht um Yichang, erfolgte ein massiver Einsatz. Vorsichtige Schätzungen beziffern die Gesamtzahl der japanischen Giftgaseinsätze in China auf etwa 2.000, mit mindestens 10.000 direkten Todesopfern. Nach der Kapitulation Japans 1945 blieben schätzungsweise 700.000 bis 2 Millionen Giftgasgranaten in China zurück – teils vergraben, teils in Gewässer geworfen. Diese Altlasten forderten auch nach dem Krieg noch zahlreiche Opfer.

Randnotiz: Die Verantwortlichen für die Produktion und den militärischen Einsatz wurden nach Kriegsende nicht vor ein Tribunal gestellt. Ein wesentlicher Grund dürfte das Interesse der USA an den Forschungsdaten gewesen sein, sowie die Tatsache, dass sich die Siegermächte den Einsatz eigener chemischer Waffen (von Atombomben ganz zu schweigen) vorbehielten.

Unzureichende Sicherheitsmaßnahmen auf Ōkunoshima führten auch unter dem Werkspersonal zu zahlreichen Toten. Genaue Zahlen fehlen, da die Armee gegen Kriegsende fast alle Unterlagen vernichtete. Ehemalige Arbeiter litten jedoch nachweislich unter einer massiv erhöhten Mortalitätsrate: Ihr Risiko, an Lungenkrebs, Leberkrebs oder chronischen Atemwegsdefekten zu erkranken, war um ein Vielfaches höher. Zur Umweltbelastung trug auch die Entsorgung von Giftstoffen im Meer rund um die Insel bei.

Von 1951 bis 1956 nahm das US-Militär die Insel infolge des Koreakrieges in Beschlag. Die verstärkten Betonbunker, das E-Werk und andere Einrichtungen wurden als Lager für konventionelle Munition genutzt. Für Japan war dies in gewisser Weise zweckdienlich, da die Amerikaner die Anlagen vor der Nutzung erst mühsam von Giftgasrückständen säubern mussten. Nach 1956 verfielen die Anlagen, bis man schließlich entschied, Ōkunoshima als Ferieninsel und Nationalpark zu nutzen. Interessanterweise spielten die Giftgasproduktionsanlagen vorerst überhaupt keine Rolle: Die dunkle Geschichte wurde regelrecht totgeschwiegen. Erst mit dem Bau des kleinen, aber sehr sehenswerten Museums über die Giftgasproduktion auf Okunoshima im Jahr 1988 begann man ganz offen, darüber zu reden. Ein Besuch des Museums ist aufgrund der zahllosen Artefakte aus der Zeit von 1925 bis 1950 hochinteressant und auf jeden Fall empfehlenswert.

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Kaninchen (ウサギusagi)

Irgendwann nach 2010 tauchten erste YouTube-Videos auf, die zeigten, wie Besucher der Insel von regelrechten Kaninchenhorden verfolgt und belagert wurden. Das weckte die Neugier vieler Menschen – es entstanden zahlreiche Berichte über Ōkunoshima, das bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich nur Bewohnern der Präfektur Hiroshima ein Begriff war (selbst heute ist die Insel vielen Japanern kaum bekannt).

Dabei entstand auch der Mythos, dass die Tiere mit der Giftgasproduktion in Verbindung stünden – quasi als „Überlebende aus den Versuchslaboren“. Das ist jedoch eine Legende. Es gab zwar Versuchstiere, die von Dr. Metzner und seinen Mitarbeitern genutzt wurden, doch diese wurden von den Alliierten im Zuge der Dekontaminierungsarbeiten nach 1945 getötet, um zu verhindern, dass belastete Tiere das Festland erreichten. Danach war die Insel jahrelang kaninchenfrei.

Okunoshima ist heute vor allem für seine mehrere hundert wild lebenden Kaninchen bekannt
Okunoshima ist heute vor allem für seine mehrere hundert wild lebenden Kaninchen bekannt
An ein paar Stellen im Süden der Insel versammeln sich schnell mal dutzende Karnickel, aber im Prinzip findet man einzelne Exemplare überhaupt
An ein paar Stellen im Süden der Insel versammeln sich schnell mal dutzende Karnickel, aber im Prinzip findet man einzelne Exemplare überhaupt

Irgendwann nach 2010 tauchten erste YouTube-Videos auf, die zeigten, wie Besucher der Insel von regelrechten Kaninchenhorden verfolgt und belagert wurden. Das weckte die Neugier vieler Menschen – es entstanden zahlreiche Berichte über Ōkunoshima, das bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich nur Bewohnern der Präfektur Hiroshima ein Begriff war (selbst heute ist die Insel vielen Japanern kaum bekannt).

Dabei entstand auch der Mythos, dass die Tiere mit der Giftgasproduktion in Verbindung stünden – quasi als „Überlebende aus den Versuchslaboren“. Das ist jedoch eine Legende. Es gab zwar Versuchstiere, die von Dr. Metzner und seinen Mitarbeitern genutzt wurden, doch diese wurden von den Alliierten im Zuge der Dekontaminierungsarbeiten nach 1945 getötet, um zu verhindern, dass belastete Tiere das Festland erreichten. Danach war die Insel jahrelang kaninchenfrei.

Die Kaninchen sind im Prinzip nichts weiter als das Produkt einer veritablen Marketingidee: Seit 1963 gilt Okunoshima als Ferienort, mit der weitläufigen Kyūkamura-Anlage im Süden. 1971 kam der Manager der Anlage auf die Idee, ein paar Häschen auf der Insel auszusetzen und diese quasi als Maskottchen zu nutzen. Und so wurden im gleichen Jahr 8 Kaninchen von Grundschülern ausgesetzt – mangels Fressfeinde begann sich daraus eine ordentliche Population zu entwickeln. In guten Jahren leben bis fast 1000 Nachfahren dieser 8 Tiere auf der Insel – in schlechten Jahren um die 500. Die Kaninchen sind zwar im Prinzip ausgewildert, aber dank der vielen Besucher in der Regel handzahm. Inselbesucher werden auf zahllosen Schildern aufgeklärt, wie sie sich zu verhalten haben: Man soll die Tiere nicht auf den Arm nehmen, nicht streicheln – und nicht falsches Futter geben. Die Tiere merken natürlich, wenn jemand Futter dabei hat, und sind sofort zur stellen. Natürlich streicheln viele Besucher die Tiere auch.

Das Internet sorgte dafür, dass zahlreiche ausländische Besucher zur “Rabbit Island” strömen, und erst dort lernen, das man dort massenweise Giftgas produzierte. Der starke Kontrast zwischen einer paradiesischen Insel in der Seto-Binnensee, den niedlichen Kaninchen und den martialisch anmutenden Resten der Giftgasproduktion ist in der Tat außergewöhnlich: “Schwerter zu Pflugscharen” mal ganz anders.

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Schrein (神社Jinja)

Natürlich gibt es auch auf Okunoshima einen Schrein – wie es sich für jede halbwegs große japanische Insel gehört. Der Schrein wurde 1929 von den Arbeitern der Giftgasfabrik errichtet, musste aber nur vier Jahre später zum heutigen Standpunkt am Südostufer der Insel verlegt werden. Dort wurden fortan verschiedene Zeremonien abgehalten – unter anderem am Jahrestag des Kriegsbeginns Japans im 2. Weltkrieg. Der Torii, der obligatorische Schreinbogen, steht vom Ufer aus gut sichtbar im Wald – dahinter wird die Vegetation relativ wild. Zwischen Schreinbogen und dem eigentlichen Schreingebäude stehen zwei Komainu-Statuen, wobei einer (Agyō) das Maul geöffnet und der andere (Ungyō) das Maul geschlossen hat – sie stehen für Yin und Yang, für den Anfang und das Ende.

Der kleine und relativ neue Schrein von Okunoshima
Der kleine und relativ neue Schrein von Okunoshima
Gedenksteine für die Opfer der Giftgasproduktion
Gedenksteine für die Opfer der Giftgasproduktion

Neben dem Schrein stehen verschiedene Gedenksteine, auf denen den Opfern der Giftgasproduktion gedacht wird – auf einem Gedenkstein wird die Ächtung von allen ABC-Waffen gefordert. Auf einem Stein steht das japanische Gedicht vom Typ 鎮魂chinkonka, ein Requiemgedicht.

くのしまkunoshimano
けむりkemurini逝きしyukishi
同胞dōhōno
Mitamayo とわtowani
安らけくyasurakeku
あれare

– was man sinngemäß wie folgt übersetzen kann:

Im Rauch von Kunoshima verweht,
ihr Seelen der Kameraden,
ruhet in ewigem Frieden.

Die Schreibweise “Kunoshima” ist dabei gewollt – während des Krieges ließ man das “Ō” (“Groß-“) einfach weg und sprach stattdessen nur über Kunoshima. Das geschah unter anderem aus Geheimhaltungsgründen, da eine Insel mit dem Namen Kunoshima in der Gegend nicht existiert.

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Geschützbatterien (中部Chūbu砲台hōdaiseki)

Von der Hotelanlage im Süden führt ein Pfad gen Norden, vorbei an zahlreichen Ruinen der Giftgasfabrik. Nach ein paar hundert Metern bergauf gelangt man zum höchsten Punkt, der Insel, der Hyokkori-Aussichtsplattform. Von hier hat man einen wunderschönen Blick auf die faszinierende Inselwelt der Seto-Binnensee – wäre da nicht der gewaltige Hochspannungsmast nebst Stromleitungen. Von der Plattform sind es nur rund 200 Meter zu den Ruinen der zentralen Geschützbatterie mitten im Zentrum der Insel. Die Batterie liegt wirklich strategisch ausgezeichnet, in einer kleinen Senke knapp unter dem höchsten Punkt der Insel. Damit konnte man die Insel regelrecht zu einem unsinkbaren Schlachtschiff ausbauen – die Anlage ist von unten absolut nicht zu erkennen und damit gut getarnt.

Zentraler Platz der alten Geschützbatterien in der Mitte der Insel Ōkunoshima
Zentraler Platz der alten Geschützbatterien in der Mitte der Insel Ōkunoshima
Die alten Kasematten der Ruinen – hier wurden Ziegel aus Russland verwendet
Die alten Kasematten der Ruinen – hier wurden Ziegel aus Russland verwendet

Die Anlagen wurden ab 1902 errichtet und waren Teil der Geiyo-Festung. Dies geschah in Erwartung kommender Ereignisse – zum Beispiel dem Russisch-Japanischen Krieges von 1904 bis 1905. Als Teil eines Festungsrings rund um das Seto-Binnenmeer baute man hier 22 Geschützbatterien auf die Insel – und unterirdische Mannschaftsheime. Konkret wurden hier 12cm, 24cm und 28cm-Kanonen installiert, die allerdings während des 1. Weltkrieges wieder abmontiert wurden, um sie in der Mandschurei zu benutzen. Beim Bau der Kasematten für die Festungsbesatzung wurden eigens Ziegel aus Russland angeschafft.

Die Anlage ist für ihr Alter ziemlich gut erhalten – wohl auch deshalb, weil sie in ihrer kurzen Geschichte nie angegriffen wurde. Die Tatsache, dass die Anlage teilweise überwuchert ist, macht sie zu einer der schönsten Ruinenanlagen der Neuzeit in Japan. Natürlich findet man selbst hier hin und wieder ein paar Kaninchen herumhoppeln.

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Kraftwerksruine (Kyū発電hatsudenseki)

Wenn man vom Plateau in der Inselmitte zur Ostküste, Richtung Fähranlegestelle 2, läuft, kommt man nach ein paar hundert Meter bergab zwangsläufig an der alten Kraftwerksruine vorbei – die größte Ruine der Insel Okunoshima. Der verwitterte Betonbau sieht aus wie ein dreistöckiges Gebäude, doch in Wahrheit handelt es sich um eine einzige große Halle. Sie wurde wahrscheinlich 1929 errichtet – gleichzeitig mit der Giftgasfabrik auf der gegenüberliegenden Seite der Insel. Erst installierte man drei 240-Volt-Generatoren, gefolgt von drei 3300-Volt-Generatoren 1933 und noch zwei weiteren Generatoren im nächsten Jahr. Die Generatoren liefen mit Schweröl und dienten hauptsächlich dazu, die Giftgasproduktion auf Okunoshima zu ermöglichen. Das reichte aber 1941 auch nicht mehr, weshalb zusätzlich ein Unterwasserkabel gelegt wurde.

Das alte Kraftwerksgebäude auf der Insel Okunoshima
Das alte Kraftwerksgebäude auf der Insel Okunoshima
"Raucherbereich" - schöner alter Schriftsatz im Tunnel vor dem Kraftwerksgebäude
“Raucherbereich” – schöner alter Schriftsatz im Tunnel vor dem Kraftwerksgebäude

Da das Gebäude stark verwittert ist, sieht es natürlich sehr grau und etwas furchteinflößend aus, doch im Inneren ist es dank der vielen großen Fenster erstaunlich hell und modern. Natürlich ist alles leergeräumt – und voller Glasscherben. Zurecht ist der Zutritt zum Gebäude untersagt – einen allzu stabilen Eindruck macht die nun rund 100 Jahre alte, aber doch irgendwie moderne Kraftwerksruine nicht.

Während der Nutzung der Insel durch das amerikanische Militär Anfang der 1950er wurde das Kraftwerk als Munitionsdepot genutzt, weshalb an einer Mauer auch “MAG 2” geschrieben steht. Man errichtete eigens dafür ein besonders leichtes Dach, damit die Druckwelle infolge einer möglichen Explosion nach oben und nicht etwa zu den Seiten entweicht.

In den letzten Kriegsjahren, von 1944 bis 1945, arbeiteten hier Mädchen der umliegenden Schulen an der Aktion Fu作戦sakusen.

Wunderwaffe Luftballon und Schülermobilisierung

Auch Japan bemühte gegen Ende des 2. Weltkrieges “Wunderwaffen”, wenn diese auch teils skurril, teils genial wirken. Ein interessantes Kapitel sind die auch auf Okunoshima gefertigten 風船fūsen爆弾bakudan – “Ballonbomben”. Japanische Wissenschaftler hatten vorher den Jetstream entdeckt, und da dieser in rund 12 Kilometern Höhe Richtung Osten bläst, war dies für Japan ganz praktisch: Man rechnete aus, dass ein Luftballon, der in großer Höhe im Jetstream treibt, in 3-4 Tagen die rund 8000 Kilometer bis zum amerikanische Festland zurücklegen kann. Dort sollte ein Mechanismus dafür sorgen, dass der Ballon herabsinkt und Brände entfacht: Man wollte so die üppigen Wälder im Westen der USA in Brand setzen.

Schätzungen gehen davon aus, dass bei dieser fu作戦 (“Operation FU”, wobei “fu” die erste Silbe von “Fū” (Wind) andeutet). genannten Operation rund 9000 Ballons von Japan gestartet wurden – von diesen kamen zwischen 500 und 1000 Ballons am amerikanischen Festland, weit verteilt von Alaska bis Mexiko an, doch nennenswerten Schaden richteten sie selten an. Mit einer tragischen Ausnahme: In Oregon wurde im März 1945 eine Mutter mit ihren 5 Kindern Opfer einer Ballonbombe. Dies waren wohlgemerkt die einzigen Kriegsopfer auf dem amerikanischen Festland während des 2. Weltkrieges.

Im und vor dem Kraftwerksgebäude von Okunoshima wurden eben solche Ballons gebaut – mit primitivsten Mitteln, nämlich aus meterlangen Bahnen von japanischem Papier (“washi” genannt) und einem Leim aus Konjakmehl. Da fast alle männlichen Jugendlichen zum Kriegsdienst einberufen worden, zog man für solche Arbeiten an der “Heimatfront” in der Regel zwischen 14 bis 17-jährige Mittel- und Oberschülerinnen heran – das nannte sich 学徒gakuto動員dōin, die “Schülermobilmachung”. Die Zeit war auch für die beteiligten Schülerinnen hart: Gerade in den letzten Jahren des Krieges herrschte Nahrungsmittelknappheit. Da Konjak (hergestellt aus den Wurzeln der Teufelszunge) in Japan auch ein Nahrungsmittel ist, hielten es Erzählungen zufolge manche Mädchen nicht aus und assen etwas vom Konjakleim, was zu heftigen Magen- und Darmproblemen führte.

Verschiedene historische Quellen gehen davon aus, dass Japan gegen Ende des Krieges mehr als 3 Millionen Schüler mobilisierte – statt Bildung gab es für sie im Prinzip dann nur Zwangsarbeit. Hunderte, wenn nicht Tausende Jugendliche verloren dabei aufgrund von Unfällen, mehr aber noch bei Bombenangriffen auf die Produktionsanlagen, ihr Leben.

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Anreise

Das Fährunternehmen San’yō Shōsen betreibt die Omishima-Fähren, die zwischen Tadanoumi und Sakari mit Zwischenstopp in Ōkunoshima verkehren. Von Tadanoumi bis Ōkunoshima braucht die kleine Fähre 15 Minuten – und noch einmal genau so viel bis Sakari. Die erste Fähre fährt 7:40 morgens von Tadanoumi – bis 18:40 fahren insgesamt 16 Fähren. Die Hin- und Rückfahrt kostet 720 Yen. Bis zu 300 Personen passen auf die Fähren. Am Fährhafen von Tadanoumi kann man diverse Souvenirs kaufen.

Der Hafen von Tadanoumi liegt nur gut 300 Meter vom gleichnamigen Bahnhof entfernt. Von dort gelangt man mit der Kure-Linie in einer knappen halben Stunde zum Bahnhof Mihara – einem Shinkansen-Halt, von wo man leicht nach Fukuoka, Hiroshima, Kobe, Osaka und Tokyo gelangt.

Die kleine Fähre von Tadanoumi zur Insel Ōkunoshima
Die kleine Fähre von Tadanoumi zur Insel Ōkunoshima

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Übernachtung

Auf der Insel gibt es tatsächlich ein Hotel – das 1963 errichtete und damit etwas angegraute 休暇Kyūkamura im Südwesten der Insel. Das Hotel hat 65 Zimmer und ein Restaurant. Preislich sollte man 13’000 Yen und mehr für ein Einzelzimmer einplanen. Im Hotel gibt es auch ein Onsen. Mehr Informationen erhält man auf qkamura.or.jp. Ebenfalls im Süden von Ōkunoshima gibt es auch einen offizielln Zeltplatz.

Zu allgemeinen Übernachtungstipps siehe Übernachtungstipps Japan.

Palmen und Strand vor dem einzigen Hotel der Insel
Palmen und Strand vor dem einzigen Hotel der Insel

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tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

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