BlogJW-10 - die "Mutter" der japanischen Eingabegeräte

JW-10 – die "Mutter" der japanischen Eingabegeräte

-

Jüngst hat es uns mal in das (kostenlose) Technikmuseum von Toshiba direkt am Hauptbahnhof von Kawasaki verschlagen. Das Museum als solches war relativ voll und in weiten Teilen nur mäßig interessant, doch in einem Raum hat man Haushaltsgeräte und Computer verschiedener Jahrzehnte ausgestellt, und dieser Bereich, ist, so man ein wenig “nerdig” veranlagt ist, sehr interessant. Unter anderem steht doch auch ein JW-10 rum.
In den Handel kam das Gerät 1979, und es war einer der ersten sogenannten ワープロ Waapro – kurz für “Word Processor” und definitiv ein aussterbendes Wort dieser Tage. Das Monstrum wiegt 220 Kilogramm, hat eine 10-MB-Festplatte (für die Zeit war das sehr ordentlich) und kostete schlappe 6,3 Millionen Yen. Anmerkung am Rande: Die Kaufkraft hat sich kaum verändert, 6,3 Millionen Yen waren damals ziemlich genauso viel wert wie heute — in Euro umgerechnet sind dies rund 45,000 Euro.
Der JW-10 sollte die Eingabe japanischer Schrift revolutionieren. In der Tat gab es schon seit 1915 Schreibmaschinen, mit denen japanisch geschrieben werden konnte (siehe japanische Wikipedia), doch der Anblick lässt erahnen, dass es schlichtweg unmöglich war, damit mal eben schnell etwas zu verfassen. Aus mehr als 2’200 Zeichen auswählen dauert länger als aus 26 Zeichen auswählen – egal, wie viel Übung man darin hat.
Die Hauptidee hinter dem JW-10 war die Umwandlung von Kana in Kanji, und zwar auch innerhalb von Worten: Während man vorher für das Adjektiv “素晴らしい” erst ein Schriftzeichen, dann das nächste, und dann drei verschiedene Hiragana eingeben musste, konnte man mit dem JW-10 das ganze Wort in Hiragana schreiben, also “すばらしい”, und hernach die Schriftzeichenumwandlungstaste drücken. Wenn man Glück hatte, kannte das Gerät dieses Wort und wusste also, welche Schriftzeichen es liefern muss.
Doch die Rechenleistung war damals natürlich noch beschränkt, und die gängige Silbe “こう” in ein Schriftzeichen umzuwandeln brachte das System bereits an die Grenzen, denn es musste nun dutzende Schriftzeichen (die man alle “こう” lesen kann) in den virtuellen Speicher schieben, was zu einem memory swap-ähnlichen Phänomen führte: Das Gerät hing sich auf, beziehungsweise war kurz davor und zwang den Schreiber dazu, eine Pause einzulegen.
Heute sind all diese Sachen selbstverständlich. Zum Glück. Gerade in der japanischen Sprache haben Computer vieles wirklich einfacher gemacht — allerdings mit dem negativen Nebeneffekt, dass viele Japaner kaum noch vernünftig mit der Hand schreiben können (mir geht es nicht anders: Lesen ist kein Problem, aber wenn man plötzlich mit der Hand schreiben soll, vergisst man vieles, was man früher problemlos schreiben konnte).
Die Webseite des Museums gibt es hier: 東芝未来科学館 Tōshiba Mirai Kagakukan.

tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

4 Kommentare

  1. Hach ja… ワープロ, eines der elementarsten Vokabeln einer bestimmten Japanisch Lehrbuchreihe ;-P
    Aber endlich sehe ich mal so ein Ungetüm!
    Danke :)

  2. Ein schönes Gerät. Wenn man sich überlegt, dass selbst meine Funke das schneller und besser hinkriegt, wie schnell sich doch alles entwickelt hat.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Neueste Beiträge

Die kleinen Fabriken in den Stadtzentren

Auf meinem Weg zum Büro, von Shibuya bis Hiroo, komme ich tagtäglich an einer kleinen Fabrik vorbei, die mich...

Shakotan – raue Küste mit außergewöhnlichen Felsen

Die Shakotan-Halbinsel im Südwesten von Hokkaido lockt mit grandiosen Küstenabschnitten und sehr guten Meeresfrüchten.

Hokkaido im Winter

Zwischen Weihnachten und Neujahr 2025 sollte es mal wieder nach Hokkaido gehen – zum sechsten Mal, wenn ich mich...

Hakata Ramen Marufuku (博多らーめん 丸福) in Sumiyoshi, Kawasaki

Man muss nicht extra nach Fukuoka reisen, um ausgezeichnete Hakata-Ramen zu essen. Man findet sie auch ganz einfach bei Marufuku in Kawasaki.

Abgesang: Das war 2025

Wie jedes Jahr gibt es den traditionellen, persönlichen Jahresrückblick. Das war also, aus Sicht von Tabibito, das Jahr 2025: Politik ———— Neues...

Onomichi – Kleinod im Osten von Hiroshima und Tor nach Shikoku

Koselige Wohnviertel mit schmalen Gassen an steilen Hängen, zahlreiche Tempel und die Melange aus Meer und Bergen machen diesen Ort reizvoll

Must read

Die 10 beliebtesten Reiseziele in Japan

Im Mai 2017 erfolgte auf dem Japan-Blog dieser Webseite...

Auch lesenswertRELATED
Recommended to you