BlogJohnny & Associates Missbrauchsskandal offenbart tiefen Sumpf

Johnny & Associates Missbrauchsskandal offenbart tiefen Sumpf

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Johnny Kitagawa, verstorben im Jahr 2019, war eine Legende — rund 60 Jahre lang bestimmte er mit seiner Agentur Johnny & Associates, wer in der japanischen Musik- und Unterhaltungsbranche Top wird und wer Flop. Hunderte Bands wurden von ihm großgezogen, 232 Nummer Eins-Hits entstanden dank ihm. SMAP, KinKI Kids, Arashi, Hey! Say! JUMP — all diese Namen bestimmten in den vergangenen 10-20 Jahren das Musikgeschehen stark. Doch hinter der Hitagentur verbarg sich auch ein systematischer Missbrauch der angehenden jungen Popstars. Johnny Kitagawa stand auf junge Männer, und das war bereits zu seinen Lebzeiten ein offenes Gerücht. Doch die Agentur war zu mächtig, um Fernsehsender zum Beispiel dazu zu bringen, darüber zu berichten.

In den vergangenen Wochen traten jedoch immer mehr Opfer ans Licht, und die Schlinge zog sich immer enger um den Hals von Julie Fujishima, der Nichte und Nachfolgerin von Johnny. Halbherzige Entschuldigungen, ein Hinhalten der Opfer, kategorisches Verneinen und Relativieren sorgten dafür, dass sich immer mehr Journalisten aus der Deckung trauten. Letztendlich musste die Agenturleiterin zurücktreten. Doch es wurde nicht besser. Gestern gab es — wieder — eine Pressekonferenz des Unternehmens, die tumultartige Zustände annahm, denn mal wieder versuchten die Verantwortlichen, sich herauszuwinden oder Fragen erst gar nicht zu beantworten. Zudem kam ans Licht, dass das Unternehmen eine Schwarze Liste von Journalisten angefertigt hatte, komplett mit Fotos, welche von den Firmenvertretern benutzt wurde, zu bestimmen, wessen Fragen beantwortet werden und wessen nicht.

Ausländische Medien waren da mutiger – am 7. März veröffentlichte die BBC die Dokumentation „Predator: The Secret Scandal of J-Pop.“ 1, und diese wurde auch auf Japanisch veröffentlicht. Doch das Echo war verhalten. Dabei fand man nun heraus, dass bereits 1965 (!) erstmals über sexuelle Übergriffe durch Johnny Kitagawa berichtet wurde. Und das macht diesen Fall so unglaublich: Bis heute haben sich 478 Personen gemeldet, die angaben, von Kitagawa sexuell missbraucht worden zu sein (bei rund 150 ist man sich soweit sicher, dass sie bei der Agentur gelistet waren). Und dennoch wurde, trotz jahrzehntelangen Missbrauchs, Johnny Kitagawa nie rechtlich belangt.

Die Parallelen zu Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche sind nur allzu offensichtlich. Leider auch der Mechanismus, mit dem sich die Verantwortlichen nun versuchen, aus der Affäre zu winden. Und das schliesst nicht nur die Agentur selbst ein, sondern auch den Großteil der Medienbranche, denn diese profitierten alle vom System Johnny & Associates. Mit den Stars der Agentur war hervorragend Geld zu verdienen, und wer da nicht das eine oder andere Auge zudrückte, war ganz schnell aus dem Geschäft.

In Sachen Aufarbeitung macht die Firma nun auch alles falsch, was man falsch machen kann. Die Kommunikation ist ein Disaster, und statt auf die Opfer einzugehen, dreht sich plötzlich alles nur noch um den Werdegang der Agentur, die nun zum Beispiel beschlossen hat, erstmal ihren Namen zu ändern.

Sexueller Missbrauch, vor allem der Minderjähriger, ist in Japan ein relativ neues Thema, über das noch immer nur sehr zögerlich gesprochen wird. Und im Falle von Johnny Kitagawa muss sich in erster Linie die Presse die Frage gefallen lassen, wie man das Thema so lange schlichtweg ignoriert hat und wieso die BBC der japanischen Presse meilenweit voraus war (die Antwort ist natürlich klar — die BBC hat hier keinerlei Konsequenzen zu fürchten gehabt).

  1. siehe hier
tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

4 Kommentare

  1. Dass man sich durch Namensaenderung glaubt, reinwaschen zu koennen, kennen wir ja auch aus der Heimat. Aus SED ward PDS ward Linke, und schon galten die Mauermoerder beim Mainstream als lupenreine Demokraten….
    Johnny & Associates haben sich da wohl eine Portion abgeguckt…

    • Wohl wahr. Mit dem Begriff Mauermörder habe ich aber ein paar Probleme. An der Mauer standen eine Million Schilder, dass auf jeden, der diese zu überqueren gedenkt, geschossen wird. Mit anderen Worten — Betreten auf eigene Gefahr. Wenn ich mich in eine Kaserne einschleiche, kann auch auf mich geschossen werden. Soll nicht heissen, dass ich die Mauer gut fand, aber da ist so viel Polemik dabei.

      • Abgesehen davon, dass JEDER, der Dienst an der Mauer tat, haette danebenschiessen koennen – die Leute, die die Befehle erteilt haben bzw sie heute noch eiskalt rechtfertigen, sitzen heute im Bundestag bzw beziehen fette Pensionen… Ich habe also mit dem Begriff absolut keine Probleme… Zwischen „unberechtigt rein“ und „raus in die Freiheit“ ist ausserdem ein gewaltiger Unterschied! Meine 2 Yen…
        Ich hatte meine (japanische) Ex 1983 an die Grenze (nahe Helmstedt) und 1984 auf Verwandtenbesuch in die Zone (Halle) mitgenommen. Damals gab’s keine Handies, und PCs haben noch eine groessere vierstellige Summe in DM gekostet. Sie war so geschockt, dass sie dutzende Seiten handgeschrieben & kopiert an alle Verwandten und Bekannten in Japan geschickt hat…

  2. Ich dachte, es ging im Blog um sexuellen Mißbrauch. Es sieht so aus, als sei das Unrechstbewusstsein der Täter unterentwickelt.
    Leider schweigen Opfer lange. Aber wer will Opfer sein? Das Schweigen ist verständlich, nutzt aber den Tätern, die wie oben beschrieben alles daran setzen, ihre schlimmen Taten oder das Wegschauen zu vertuschen.
    Dann auch noch der Presse einen Maulkorb zu verpassen, indem im Vorfeld bestimmt wird, wem welche Fragen beantworten werden, geht einfach zu weit.

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