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Red Hot Chili Peppers im Tokyo Dome | Große Konzerte in Japan

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Tokyo Dome, der {S., mask.}

(1) 1985 fertiggestelltes Baseballstadion mitten in Tokyo mit einem Fassungsvermögen von bis zu 57’000 Zuschauern.
(2) Japanische Maßeinheit, entspricht rund 112’000 m². Beispiel: „Auf Borneo ist eine Fläche von rund 500 Tokyo Dome abgebrannt.“

„Schau mal, im Februar kommen Red Hot Chili Peppers nach Japan!“ sagte meine Frau irgendwann im November vergangenen Jahres, kurz nachdem wir uns über die Weihnachtsgeschenke für die Kinder unterhalten haben. Es war ein recht großer Zaunpfahl, mit dem sie da winkte. Nun gut. Kurz auf der Ticketseite Pia.co.jp vorbeigeschaut, und siehe da — man konnte sich bereits um die Tickets bewerben. Bewerben deshalb, weil Eintrittskarten für beliebte Bands gerade in Japan oft mehrfach überzeichnet sind und deshalb im Lotterieverfahren vergeben werden, genau wie bei der Luftnummer der Olympischen Spiele 2020, äh, 2021. Was soll’s, kurz angemeldet und beworben – wird ja sowieso nichts, da レッチリretchiri, wie die Band nach guter japanischer Tradition auf 4 Zeichen abgekürzt genannt wird, erstens auch in Japan sehr bekannt sind und zweitens nur zwei Konzerte geben werden – in Tokyo und Osaka. Hoch motiviert war ich nicht, denn eine Karte kostet 20,000 Yen plus diverser Gebühren, also gute 160 Euro, und ich bin selbst kein großer Fan solcher Großveranstaltungen. Das letzte, richtig große Konzert hatte ich 1992 besucht – das waren The Cure, in Berlin. Alle folgenden Konzerte waren eher im kleineren Rahmen. Die Ärzte, vor 2,000 Besuchern, zum Beispiel. Also ein paar tausend vielleicht, aber nicht zehntausende…

Red Hot Chili Peppers im Tokyo Dome 2023
Red Hot Chili Peppers im Tokyo Dome 2023

Aber wie es nun mal so ist – wenn man etwas wirklich will, bekommt man es nicht. Und wenn man nicht so scharf drauf ist, bekommt man es – wie es Fehlfarben bereits in ihrem Meisterstück „Paul ist tot“ feststellten. Wir bekamen tatsächlich zwei Tickets, und das auch noch kurz vor Weihnachten.

Also machten wir uns gestern auf den Weg. Online wurde ein Parkplatz gesucht, und der lag mitten in Akihabara. Dort war ich wahrscheinlich schon gute 10 Jahre nicht mehr — aber es tat gut zu sehen, dass dort richtig viel los war, und offensichtlich viele Touristen wieder den Weg nach Japan gefunden haben. Wir bemerkten zahlreiche neue Restaurants, darunter auch sehr gute Ramen-Restaurants, wie zum Beispiel das neue Kyōsuke. Die nebenan vor dem Maid Cafe stehende, pausenlos herzhaft gähnende junge Frau tat uns beim Warten auf die Nudeln etwas leid, aber was macht man nicht alles.

17:30 sollte das Konzert losgehen. Eine seltsame Zeit. Schon früh konnte man erkennen, wer ebenfalls zur gleichen Veranstaltung geht – die Hälfte hatte irgendwelche RHCP-Devotionalien an. Wo es die gab, war schnell geklärt: Man brauchte sich nur an einer gut 400 Meter langen Schlange außerhalb des Tokyo Dome anstellen, bis man dann vor einem großen Provisorium stand, an dem man dann erfuhr, dass eigentlich so gut wie alles ausverkauft ist – T-Shirts und Sweater der Größen M und X sowieso und der Rest eigentlich auch. Das war rund zwei Stunden vor Konzertbeginn. Ganz ehrlich – wäre ich der Konzertmanager, hätte ich den Verantwortlichen zumindest dazu aufgefordert, Seppuku zu begehen — da stehen tausende von Menschen und schreien „Nehmt mein Geld“ — aber alle Sachen sind, welch Überraschung! — ausverkauft. Da kennt jemand japanische Fans aber sehr schlecht.

Gehen sie weiter, hier gibt es (fast) nichts mehr zu kaufen!
Gehen sie weiter, hier gibt es (fast) nichts mehr zu kaufen!

Rund eine Stunde vor Beginn machten wir uns zusammen mit rund 50,000 anderen Besuchern – natürlich war das Konzert ausverkauft – in die Eingeweide des Tokyo Dome. Ein wahrhaftig riesiges (und komplett überdachtes) Bauwerk, das ich 1996 zum ersten Mal betreten hatte, im Rahmen einer Ausstellung. Die Einlasskontrolle war erstaunlich entspannt. Ein flüchtiger Blick in die Tasche, ein kurzer Scan mit einem Handscanner und das war es schon. Getränke, Handys, kleine Kameras — alles erlaubt. Man wird lediglich davor gewarnt, keine professionelle Kameraausrüstung mitzubringen, und das war es wahrscheinlich auch, wonach gesucht wurde.

Rund um die Innenhalle führen labyrinthartige Gänge mit ein paar Burger King-Filialen und anderem gesunden Essen, jeweils mit 100 m oder längeren Schlangen davor. Das galt auch für die Toiletten. Man ist definitiv gut daran beraten, vor dem Betreten des Tokyo Dome auszutreten. Und etwas zu essen. Es sei denn, man möchte seine(n) Partner(in) für eine gute Stunde loswerden, in dem man jenige mit Sätzen wie „Geh doch mal schnell Fritten holen“ oder „Sicher, dass du die nächsten paar Stunden ohne Toilette aushältst?“ malträtiert.

Red Hot Chili Peppers im Tokyo Dome 2023
Red Hot Chili Peppers im Tokyo Dome 2023

Das Innere füllte sich ab 17 Uhr schnell. Die Bühne war gefühlt 1 Kilometer entfernt – leider hatten wir keine der 400 Euro-Tickets vor der Bühne ergattern können. Und — alle Plätze sind Sitzplätze. Das war genau das, wovor es mich grauste. Man sollte nun also hier auf einem 70 x 70 cm großen Fleck nebst Sitzschale verharren – die gesamte Zeit natürlich mit Maske – während man Musik der feinsten Gitarristen der Welt degustiert.

Fast genau um 17:30, welch‘ unchristliche Zeit für ein Rockkonzert!, ging es also los. Und zwar ganz ohne Vorband. Das hatte mich bereits im Vorfeld geärgert, denn bei einigen Auftritten der 2023-Tournee der Band, darunter auch in Deutschland, tritt Iggy Pop als Vorband (oder heißt das dann Vormann?) auf. Allein dafür hätte ich ohne mit der Wimper zu zucken freudig ein paar hundert Euro gelöhnt. Vor lauter Glück wäre ich dann wahrscheinlich auch nach der Vorband nach Hause gegangen. Das erinnert mich ein bisschen an ein Konzert in Leipzig, vor vielen, vielen Jahren: Projekt Pitchfork, mit Rammstein als Vorband. Niemand kannte Rammstein, alle fragten sich, wer das denn sein soll, bis plötzlich
ein Hühne mit brennender Jacke ein „Rammstein“ ins Mikrofon säuselte.. die Masse war erstarrt. Oder 1991, in Halle: Sonic Youth, mit Nirvana als Vorband. Wahnsinn. Aber das nur am Rande). Aber nein, hier waren es Red Hot Chili Peppers, ganz allein. Und sie begannen mit einem furiosen Instrumentalstück. Sound? War erstaunlich okay. (Fast) genau richtig. Bühne? War auch in Ordnung, vor allem dank der zwei großen Portrait-Monitore links und rechts. Und die Masse ging auch halbwegs mit. Es folgten ein paar bekannte Stücke, aber noch viel mehr unbekannte Stücke – die Masse ging trotzdem mit, und das ist sicherlich einer der Gründe, warum viele ausländische Bands das japanische Publikum schätzen. Kein Johlen, kein Pfeifen oder Buhen. Allerdings gaben sich die beiden Gitarristen und der Drummer auch viel Mühe, aus jedem Stück ein Erlebnis zu zaubern.

Erwartungsgemäß redete der Sänger Anthony Kiedis nicht viel — der heimliche Star ist ja sowieso Flea, der Bassist. Der erklärte, dass er, als er vor 40 Jahren zum ersten Mal in Japan war, vom Frühstück sehr angetan war. Zwar wusste er nicht, ob es sich da um Fischleber, Eselspuperzen oder was auch immer handelte, aber es schmeckte alles. Ein kleiner Seitenhieb auf den Maskenwahn erfolgte auch irgendwann – die Band fragte sich, wie man ob des Maskenzwangs erkennen soll, ob sich die Leute freuten oder nicht, aber sie beantworteten zum Glück die Frage gleich selbst: An den Augen.

Nach knapp zwei Stunden verließ die Band die Bühne, ohne Goodbye zu sagen. Und da es den Besuchern untersagt wurde, lauthals zu schreien (nicht alle hielten sich daran), erfolgten auch keine „Encore“-Rufe, aber darauf wurde die Band sicherlich vorbereitet – und sie erschien dann auch nach ein paar Minuten wieder, um zwei ihrer bekanntesten Œuvre zum besten zu geben. Und das war es dann auch schon.

Langsames Lied? Handylaternen raus!
Langsames Lied? Handylaternen raus!

Kurzum: Trotz der Menschenmassen war es besser als erwartet, und erwartungsgemäß sehr diszipliniert. Immerhin standen fast alle Besucher die ganze Zeit, und ein Großteil bewegte sich auch im Rahmen der begrenzten Möglichkeiten zur Musik. Die Stimmung an sich war also schon gut. Trotzdem bevorzuge ich nachwievor die kleineren Konzerte, und da hat man gerade in Tokyo gute Chancen, Bands hautnah zu sehen, die anderswo große Säle füllen – so kam ich da schon in den Genuss von Sonic Youth (schon wieder), Nick Cave and the Bads Seeds, Tocotronic, um nur ein paar zu nennen, vor hundert oder weniger Besuchern. Es lohnt sich jedenfalls, in Japan einmal auf den Konzertkalendar zu schauen.

tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

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