BlogJapaner besonders langlebig? Alles Humbug!

Japaner besonders langlebig? Alles Humbug!

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Es ist ja allgemein bekannt, dass Japaner besonders langlebig sind – selbst im Vergleich zu anderen Industrienationen und trotz Kugelfischverzehr und einer gewissen Zuneigung zu exzessiver Arbeit und viel Alkohol.
Das ganze könnte sich jedoch bald als geschönte Statistik erweisen. Am Wochenende rückten Amtsleute in Tokyo aus, um ihrem ältesten männlichen Bewohner ein Geburtstagsständchen vorzutragen. Der 111-jährige war auch tatsächlich zu Hause, zusammen mit seiner Familie – doch der Greis bestand fast nur noch aus Knochen. Und ich meine Knochen. Der gute Herr war schon rund 30 Jahre tot und hockte seitdem da im Oberzimmer. Natürlich floss die Rente während der letzten 30 Jahre stetig weiter, aber immerhin wurden damit auch diverse Mitgliedsbeiträge beglichen. Die Familie bot auf den Fund hin eine schlichte, überzeugende und einfach geniale Ausrede: Der alte Herr wollte eben zum Sokushinbutsu („lebender Buddha“) werden und deshalb liess man ihn wo er war. Klar doch! (Mehr zu dem Vorfall siehe auch bei Christian: Sokushinbutsu Reloaded).
Heute dann der zweite Streich: Amtsleute sollten eine 113-jährige Frau in Tokyo aufsuchen. Eine sehr alte Frau öffnete daraufhin die Tür: Es war die gut 90-jährige Tochter, die erklärte, dass sie ihre Mutter seit Jahrzehnten nicht gesehen habe. Aha.
Vielleicht sollte man in Japan mal eine Bestandsliste bei allen über 100-jährigen machen: Wer weiss, wie viele Leichen es da noch im Keller gibt. Das wäre für Japan auch mal die Gelegenheit, die Personen- bzw. Familienregister auszumisten: Das System ist nämlich sehr starr und ziemlich unsinnig – so kann das Stammregister einer Person nicht mit der Person mitziehen – es bleibt auf jeden Fall im Geburts- bzw. ersten Meldeort. Will heissen, keiner weiss so richtig, wie viele Leute wirklich irgendwo leben oder vielleicht schon seit Jahrzehnten verzogen oder verstorben sind.
Das Wort des Tages: 寿命 jumyō. Die Lebenserwartung.

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tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

8 Kommentare

  1. Der Keller ist gut!!!

    Und immerhin haben die Japaner mit dem lebenden Buddha eine wunderbare Ausrede für den weiterhin im Haushalt sitzenden Verblichenen. Ist hier ein wenig schwieriger. Wann wird da eigentlich der Todeszeitpunkt festgelegt?

    nunja, dass „Stammregister“ wird hier auch am Geburtsort bzw. der leitenden Stadt der Verwaltungseinheit geführt. Aber immerhin sollte man immer herausfinden, wo jemand wohnt. Ob jedoch der Tod eines Bewohners jemanden auffällt, halte ich auch hier zumindest in den großen Städten für zweifelhaft!

  2. Wenn nicht über Jahre , aber über Monate haben auch in Deutschland ihre Vorfahren/Leichen gerne ans Fenster gesetzt um noch die ein oder andere Rente fürs Erbe mitzunehmen.

  3. Naja mit der statistischen Lebenserwartung hat das direkt doch nicht soviel zu tun.

    Aber das mit dem Familienregister ist schon sehr anachronistisch und stammt sicher noch aus der Feudalzeit, als man sicher gehen wollte, dass die Leute nicht einfach irgendwo hin verziehen.

  4. Gibt es kein Melderegister wie bei uns, dass die Ummeldungen nach Umzügen dokumentiert und statistisch verarbeitet? Aber wenn ich mich nicht irre, war ähnliches ja auch bei der Diskussion über Griechenland zu lesen, dass diese es auch nicht haben, also warum sollte es in Japan besser sein. Aber es gibt immer wieder Leute, die durch’s Raster rutschen.

  5. Seit 30 Jahren tot und hockt seit dem in einem Zimmer?
    Dass die Familie bei dem Verwesungsgestank nicht selbst gestorben ist, wundert mich. Man hört ja ab und zu mal, dass Anwohner sich über Gestank beschweren und man dann heraus findet, dass die 80-jährige Nachbarin seit Wochen tot in der Wohnung liegt.

    Das ist selbst für Japan schon ziemlich heftig.

  6. Heute kam ein Bericht über dieses Thema im ZDF. Aktuell telefoniert man in Japan alle über hundertjährige ab. Zusätzlich wurde noch berichtet, dass z.Z. Senioren gehäuft spurlos verschwinden, über 70 Vermisste.

  7. Da kommt bestimmt noch einiges raus. Andererseits 70 Vermisste bei ca. 41’000 über Hundertjährigen, naja.

    Erinnert mich an ne Geschichte aus der Kindheit: der Opa einer italienischen Familie konnte nicht schreiben und drückte jeweils seinen Daumenabdruck auf’s Formular um die monatliche Rente zu bekommen. Als der Abdruck immer verwischter wurde, gingen die Behörden mal vorbei nur um festzustellen, dass ein abgeschnittener Daumen in Alkohol eingelegt auch nicht vor dem Zerfall gefeit ist. Der Opa hatte schon länger das Zeitliche gesegnet. Könnte zwar ne Urban Legend sein, kann mir aber schon vorstellen dass es ähnlich abstruse Vorfälle gibt.

  8. „Vielleicht sollte man in Japan mal eine Bestandsliste bei allen über 100-jährigen machen: Wer weiss, wie viele Leichen es da noch im Keller gibt.“

    Beziehungsweise im Oberzimmer.

    @Deîso: Zur Zeit 70 Vermisste, oder? Wer weiß, wie viele sie noch finden. Eventuell fiel das ja jetzt erst im Zuge dieser Überprüfung auf und mit dem 41.000 sind die sicherlich noch nicht durch.

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