BlogCorona in Japan: Starker Anstieg allerortens und Mondfischmaßnahmen

Corona in Japan: Starker Anstieg allerortens und Mondfischmaßnahmen

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Um auf das leidige Thema zurückzukommen – ein kurzes Update zur Lage von Corona in Japan.

Starker Anstieg landesweit – Osaka besonders betroffen
Der Trend ist seit etlichen Tagen nicht mehr zu leugnen – Japan wird momentan von der vierten Welle überrollt – so zählt man zumindest hier. Diese vierte Welle äußert sich in zwei verschiedenen Dingen. Zum einen steigt die Zahl der Neuinfektionen wieder rasant an, zum anderen gewinnt immer mehr die B.1.1.7-Mutante, die zuerst in England entdeckt wurde, die Oberhand – und die, so zumindest die weit verbreitete Meinung zur Zeit, ist nicht nur ansteckender, sondern sorgt auch für schwerere Verläufe. Diese Mutante, im Japanischen redet man übrigens von kabu (Stamm), breitete sich erst im Raum Kobe aus, griff auf das benachbarte Osaka über und vermehrt sich nun auch in Tokyo. Vor allem in Osaka sorgt das Corona-Virus nun für ständig neue Rekorde: Vorgestern gab es erstmals mehr als 1,000 Neuinfektionen, heute waren es 1,200. Die vierte Welle nimmt dabei nun auch in Tokyo Fahrt auf: Die Zahlen stiegen langsam, aber sicher gen 500, und heute wurden zum ersten Mal seit dem 4. Februar wieder mehr als 700 neue Fälle gemeldet.

Kein Ausnahmezustand. Eigentlich. Aber irgendwie doch.
Trotz der immer stärker steigenden Zahlen will die Regierung nicht den Ausnahmezustand ausrufen. Doch Namen und Bezeichnungen sind hier Schall und Rauch. Stattdessen redet man von 蔓延防止措置 man’en bōshi sochi – „Eindämmungsmaßnahmen“. Da der Begriff so lang ist, wird er heuer gern zu まん防 Manbō verkürzt. Manbō ist dabei gleichzeitig der japanische Name für den genialen Mondfisch – siehe Bild des Tages. Der wichtigste Unterschied zwischen „Mondfisch“ und Ausnahmezustand ist dabei, dass

1) Der Ausnahmezustand auf eine gesamte Präfektur greift. „Manbō“ hingegen kann präziser erlassen werden – zum Beispiel können die Maßnahmen auf bestimme Stadtbezirke beschränkt werden. Das führt erwartungsgemäß zu absurden Situationen. Beispiel Mitaka, ein sehr belebtes Bahnhofsviertel im Westen von Tokyo. Alle Bars und Restaurants nahe des Nordausgangs müssen spätestens um 20 Uhr schliessen, da sie zur Gemeinde Musashino gehören. Die im Süden dürfen hingegen fröhlich feiern, da sie zur Stadt Mitaka gehören, für die die Eindämmungsmaßnahmen nicht gelten.

2) „Manbō“ kann ab Epidemiewarnstufe 2 ausgerufen werden – der Ausnahmezustand erst ab Stufe 4

Impfkampagne kommt einfach nicht in Gang
Yahoo! Japan veröffentlicht tagtäglich die Zahl der Neuinfizierten, sowie die Zahl der bisher verabreichten Erstimpfungen – sowie die Zahl der Impfungen des jeweiligen Tages. Am 12. April, und damit bereits mit zwei Wochen Verspätung, sollte eigentlich die Impfung von Altersheimbewohnern beginnen. Das scheint allerdings nicht so recht voranzugehen: Während vor dem Stichtag noch bis zu 50,000 Impfungen pro Tag vermeldet wurden, sind es jetzt nur noch rund 10,000 pro Tag. Dafür gibt es erste Meldungen, dass Impfstoffe ungenutzt entsorgt wurden, da sie an dem Tag nicht verabreicht werden konnten.

Ich mag es nicht, Nostradamus zu spielen, aber die zögerliche und verspätete Impfkampagne wird in Japan für viele Menschen tödliche und für die Wirtschaft schwerwiegende Folgen haben.

Olympische Spiele geraten schon wieder ins Wanken
Zwangsläufig entbrennen nun auch wieder die Diskussionen über die Ausrichtung der Olympischen Spiele – diese sind ja nur noch knapp 100 Tage entfernt. Erste Stimmen werden nun wieder laut, die Spiele um ein weiteres Jahr zu verschieben – schliesslich ist ja ein Ende der Pandemie offensichtlich nicht in Sicht. Inwieweit diese Stimmen lauter werden, wird davon abhängen, wie stark die Mondfisch-Maßnahmen greifen werden. Ein möglicher Verlauf wäre der folgende:

1) Man probiert es im April mit den oben erwähnten „Mondfisch“-Maßnahmen
2) Kurz vor der Goldenen Woche (Kette von Feiertagen Ende April/Anfang Mai) verhängt man wieder den Ausnahmezustand und erläßt verschärfte Regelungen
3) Die Maßnahmen sorgen für eine Beruhigung, die aber Zeit brauchen wird – bis Anfang oder Mitte Juni
4) Bis zum Beginn der Olympischen Spiele wird versucht, die Zahlen auf gleichbleibendem Niveau zu halten, in der Hoffnung, dass es mit der Impfung vorangeht.

Fällt die momentane vierte Welle jedoch schwerer als erwartet aus – man geht davon aus, dass die in Tokyo gerade erst begonnen hat – könnte es natürlich immer noch dazu kommen, dass die Olympischen Spiele verschoben – oder gar völlig abgesagt werden. Nordkorea hat die Entscheidung schon vorweggenommen und angekündigt, aufgrund der Pandemiegefahr nicht anzutreten.

tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

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