BlogWird Nova ihrem Namen gerecht?

Wird Nova ihrem Namen gerecht?

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NOVA. Wer in Japan war und sich aufmerksam umgeschaut hat, wird diesen Namen – gelb auf blauem Hintergrund – sicherlich oft in Bahnhofsnähe gesehen haben. NOVA – das ist Japans grösste Kette von 英会話(Eikaiwa) – Schulen. Eikaiwa = „englisch – Gespräch“. Sprich Englischschulen.
Kurze Hintergrundinfo: Englisch ist für Japaner so schwer wie Japanisch für Deutsche. „Aber die Schrift ist doch viel einfacher“ mag jetzt manch einer denken. Richtig, aber leider ist Englisch in Sachen Schreibweise nicht gerade konsistent. Und: Englisch hat wesentlich mehr Laute zu bieten als das phonetisch recht arme Japanisch. Aber: Englisch zu können ist sehr wichtig in Japan. Es ist Statussymbol, hilft bei der Jobsuche und ist einfach mal カッコいい (kakkoii = chic). ERGO: Englisch ist in Japan eine Multi-Milliarden-Euro-Industrie.
Nova wurde 1990 in Ōsaka gegründet. Es begann aber eigentlich schon 1981. Der Name stammt von einem alten TV-Spot mit einer Oma, die Noba hiess. Bald schossen Nova-Schulen wie Pilze aus dem Boden. Einer der wichtigsten Slogans war „駅前留学“ (ekimae ryūgaku), was soviel bedeutet wie „Auslandsstudium am Bahnhof“. Sprich, man mietete Räume unmittelbar vor Bahnhöfen, damit die Leute schnell mal vor oder nach der Arbeit reinhüpfen und Englisch lernen können.
Rekrutiert wurden Lehrer mit grossartig angelegten Kampagnen. Pädagogen wurden jedenfalls nicht bevorzugt. Lehrer wurden im 45-Minuten- oder weniger – Takt vor Miniklassen mit 3 Schülern geworfen. Ausserschulischer Kontakt mit den Schülern war strengstens untersagt. Nova warb auf seiner Webseite unter anderem mit „Pay off your debts – work for NOVA in Japan!“. Klasse. So rekrutiert man potente Lehrkräfte!
„NOVA is hell“ – dieser Satz machte schnell die Runde unter Englisch-Lehrern. Nova produzierte Unterricht vom Fliessband. Wissenschaftliche Vorgehensweise? Brauchbare Erfolge? Nein. Es ging darum, das japanische Bedürfnis nach „etwas Englisch“ möglichst kostengünstig zu befriedigen. Man sollte aber dazu sagen, dass es wesentlich schlimmere Schulen als Nova gab und gibt.
Nova hatte schon immer neuartige, provozierende oder einfach aufdringliche Werbung. Und Mitte 2007 rund eine halbe Million Schüler – von Kindern bis Greisen, die meisten aber zwischen 20 und 40. Und bot auch Deutsch, Chinesisch, Französisch usw. an.
Der Ärger begann Mitte 2007. Wegen unlauteren Wettbewerbs wurde die Firma verklagt – obwohl in Kampagnen so dargestellt, bekamen Schüler ihr Geld nicht zurück, wenn sie einen Rückzieher machen wollten. Nova verlor, musste Bussgeld zahlen und durfte zeitweilig keine neuen Schüler anwerben.
Der Gründer und Chef von Nova heisst Sahashi. Früher hiess er Saruhashi, aber „Monkey – Bridge“ macht sich im Namen nicht so gut, dachte er, und liess das „-ru“ streichen. Seit Ende August war er plötzlich verschwunden. Ich wusste es seit dem 1. September (und zwar von zuständigen Fondmanagern), aber damals war das noch geheim. Seit letzter Woche (Ende Oktober!!!) ist es amtlich – Sahashi ist nicht aufzufinden.
Nun ging es richtig los – die Schülerzahlen sinken rapide. Japanische Angestellte bekommen teilweise seit Juli keinen Lohn. Lehrer, vor allem auf dem Land, seit September keinen Lohn. Die Manager kündigen reihenweise, da Sahashi nicht aufzufinden ist. Die Firma wird Ende November von der Börse genommen. Mehrere hundert Schulen werden geschlossen (Zweifel! Dabei wird es wohl nicht bleiben).
Gestern, am 26. Oktober, ordnete ein Gericht in Osaka an, das Nova unter das 会社更生法 (Kaisha kōsei-hō) fällt – das „Gesetz zur Firmenregenierung“. Eine Art Liquidierungsprozess für Firmen, für die es noch Hoffnung gibt (oder geben sollte).
Ende vom Lied: Diese Nova verglüht am japanischen Englischindustrie-Firmament als gleissender Feuerball. Mit lautem Krawumm. Das wird in Japan in Sachen Englischindustrie definitiv heftige Nachbeben verursachen. Mal sehen. Mein Mitgefühl gilt in jedem Fall den Angestellten, die dieses Theater nicht verdient haben.
Oh, kleine Geschichte am Rande noch: Als ich 1998 in Japa n studierte, überlegte ich, Deutsch als Teilzeitkraft zu unterrichten. Bei NOVA. Ich ging zum Vorstellungsgespräch. Eine Amerikanerin – wäre sie 20 Jahre jünger gewesen, hätte sie in ihrer Kleidung bestimmt schön ausgesehen – sagte mir „Sorry, the German manager couldn’t come. And I can’t speak German at all. But please, do a 10 minutes trial lesson with me as if I would be intermediate“. Da redete ich also 10 Minuten auf die Dame ein, die kein Wort von dem, was ich sagte, verstand. Was für ein komischer Laden, dachte ich. Ende vom Lied: Ich merkte, dass sich deren Zeitplan und mein Stundenplan nicht vereinbaren liessen, und ging nicht zum zweiten Vorstellungsgespräch.

tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

2 Kommentare

  1. APPLAUS!
    Leider ließ sich mein Stundenplan mit Ihnen vereinbaren und es schien mir akzeptabel bis ich einen neuen richtigen Job gefunden habe. Naja…
    Du hast vergessen das sich NOVA geschickt davor gedrückt hat ihre Lehrer korrekt sozial in Japan abzusichern. In dem sie erklären das der Lehrer nur 44 Minuten des 50 Minuten Blocks für sie arbeitet und er 6 Minuten unbezahlte Pause zwischen den Stunden hat (wo er das NOVA Gelände nicht verlassen darf!) haben sie die offizielle Arbeitszeit unter die 28h gedrückt bis der man als Teilzeitkraft gilt. Sprich juristisch sind alle Nova Lehrer Teilzeitkräfte!
    DAS hatte man mir vorher auch nicht erklärt, als ich meinen „Vollzeitvertrag“ mit 37 Unterrichtsstunden bei NOVA unterschrieb!

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