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Warum einfach wenn es auch kompliziert geht? Daiso-Kette entwirft neuen Laden-Rausschmeisser-Song

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Man wundert sich über vieles in Japan — und man gewöhnt sich an so einiges. Zum Beispiel an die Melodie des schönen, alten schottischen Liedes Auld Lang Syne, welches im angloamerikanischen Sprachraum gern zu Silvester geschmettert wird, um so, mit leicht melancholischem Unterton, dem alten Jahr Adieu zu sagen. Japaner assoziieren mit dem Lied etwas ganz anderes – nämlich mit dem Lied Hotaru-no-hikari, dem „Licht der Glühwürmchen“. Die japanische Version ist dermaßen bekannt, dass sie es 2008 sogar auf die von der Japanischen PTA-Organisation erstellten Liste der „100 (bekanntesten) japanischen Lieder“ schaffte. Die Japanisierung der alten Volksweise hat dabei einen ernsthaften Hintergrund: Im Dezember 1941 erließ die japanische Regierung im Angesicht des Eintritts Japans in den 2. Weltkrieg ein Verbot englischer und amerikanischer Musik. Mit der Schaffung japanischer Versionen konnten Musikliebhaber dieses Verbot jedoch umgehen — das traf auch auf das irische The Last Rose of Summer zu, welches zu Niwa-no-千草chigusa wurde. „Auld Lang Syne“ hat jedoch noch eine ganz andere Bedeutung in Japan: Das Lied gilt als Rausschmeisser-Song. Wenn das Lied erklingt, heißt dies, dass sich die Kunden doch bitte möglichst schnell Richtung Ausgang bewegen sollen.

Die große Daiso-Kette, Betreiber vieler 100-Yen Filialen in Japan, hat jedoch eine verblüffende Feststellung gemacht: Ausländische Besucher verstehen die subtile Anspielung überhaupt nicht. Da kann man noch so viele Minuten vor Ladenschluss das Lied hoch- und runterspielen — die dummen 外人gaijin lässt das völlig kalt. Was tun?

Ob man das Diagramm der Optimierung der Kundenfreundlichkeit durch eine neue Komposition eines Rausschmeisser-Songs nun auf Japanisch oder KiSuaheli schreibt -- es bleibt unverständlich.
Ob man das Diagramm der Optimierung der Kundenfreundlichkeit durch eine neue Komposition eines Rausschmeisser-Songs nun auf Japanisch oder KiSuaheli schreibt — es bleibt unverständlich.

Nun, man investierte mal eben einen Batzen Geld und setzte sich mit der renommierten Waseda-Universität in Verbindung, um ein neues Rausschmeisser-Lied zu komponieren. Das ganze versah man noch mit einer aufwendigen Studie1, in der man stolz berichtete, dass Probanden die neue Melodie als „passender zum Ladenschluss, melancholischer und allgemein wünschenswerter als die alte Melodie“ empfinden. Garniert wurde das mit einem Diagramm, das schön wissenschaftlich aussieht — aber einen dann doch ziemlich wichtigen Punkt komplett ignoriert: Egal, welches Lied man spielt — die Tatsache, dass den Kunden mit einem bestimmten Lied gesagt wird, dass sie gehen sollen, wird auch weiterhin für Ausländer unverständlich bleiben. Zumal man sowieso in Japan vielerorts mit teils horrender Fahrstuhlmusik bombardiert wird.

Mal sehen, ob Daiso merkt, dass es auch mit dem neuen Lied nicht viel anders läuft. Vielleicht investiert man ja dann sogar ein paar Tausend Yen, um einen Ausländer etwas wie „We are closing soon. Please wrap up your shopping and move to the exit“ aufs Band sprechen zu lassen. Das bringt sicherlich eher etwas.

Den neuen Song, zu dem sicher alle Ausländer umgehend und fluchtartig den Laden verlassen werden, kann man auf dem Video unten hören.

  1. hier veröffentlicht
tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

1 Kommentar

  1. Ich nehme an, es gibt eine kulturelle Komponente warum nicht einfach eine Durchsage abgespielt wird: „Wir schließen bald, nun aber zack zack!“, natürlich in der entsprechenden Höflichkeitsform.
    Da würde sich dann prima, wie schon treffend angemerkt, eine zusätzliche Ansage auf Englisch hinzufügen lassen.
    Auch interessant der Kontrast von den eher stillen, zurückhaltenden Japanern (zumindest in der Öffentlichkeit) und dem Höllenlärm in den Einkaufstempeln, Spielhallen und anderswo.

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