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Ogasawara-Artikel jetzt online | Erlebnis 24-Stunden auf einer japanischen Fähre

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Vor zwei Wochen verschlug es mich auf die Ogasawara-Inseln — diese gehören wie viele andere Inseln südlich von Tokyo auch zur Hauptstadtpräfektur, doch sie liegen rund 1000 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Das macht sich auch klimatisch bemerkbar – das Klima dort ist eindeutig subtropisch, mit sehr milden Wintern und ebenfalls milden, nicht allzu heißen Sommern. Das Gebiet ist weitestgehend Nationalpark und dementsprechend geschützt. Korallen bis zum Wasserrand, Wale, Haie, Delfine, unzählige subtropische Fischarten, exotische Vögel, Insekten und eine ganz besondere Vegetation — ein Paradies für Naturliebhaber. Und für Leute, die ein bisschen entspannen wollen.

Das interessante daran: Es gibt kein Flugzeug zu den Inseln. Nur eine Fähre, und die fährt, von der Hochsaison Mitte Juli bis Ende August einmal abgesehen, nur ein Mal alle sechs bis sieben Tage. Und sie braucht 24 Stunden für die Reise. Man fährt also hin, „muss“ mindestens 3 oder 4 Tage (je nach Fahrplan) dort bleiben und dann geht es wieder zurück. Kaum hat die Fähre die Bucht von Tokyo verlassen, ist man auch schon 圏外kengai — außerhalb des Mobilfunknetzes. Auch WiFi gibt es nicht an Bord, eine Seltenheit dieser Tage. Die knapp 500 Passagiere teilen sich hier in zwei Gruppen: Eine gute Hälfte verzieht sich in die Kojen und ward für die nächsten 24 Stunden nicht gesehen. Die kleinere Hälfte rödelt auf einem der sieben Decks herum: Draußen, oder im Schiffsrestaurant. Oder in der Lounge, die bis Mitternacht geöffnet hat. Das Schiff ist ziemlich groß, und wenn man die Treppen benutzt, kommt man schnell auf eine ordentliche Laufleistung. Das fehlende Funknetz und Internet hat zudem zur Folge, dass die Menschen, ja gibt es denn sowas, plötzlich miteinander reden. Einige zumindest.

Schlafkoje in der 2. Klasse auf der Ogasawara-Maru
Schlafkoje in der 2. Klasse auf der Ogasawara-Maru
Ogasawara-Maru, die Fähre zwischen Tokyo und Chichijima in den Ogasawara-Inseln
Ogasawara-Maru, die Fähre zwischen Tokyo und Chichijima in den Ogasawara-Inseln

In der Lounge sprach mich am Abend schließlich ein älteres und recht fröhliches japanisches Ehepaar an — mit dem Ergebnis, dass wir bis zum Rauswurf um Mitternacht miteinander tranken und quatschten. Das gleiche Ehepaar sollte mir in den folgenden Tagen noch viele Male über den Weg laufen — so auch am folgenden Tag bei einer gebuchten, ganztägigen Bootsfahrt (mit nur 9 Teilnehmern) – und auch am nächsten Tag, beim Übersetzen auf die Nachbarinsel Hahajima. Als ich die Fähre in Tokyo betrat, kannte ich niemanden. Als ich zurückfuhr, kannte ich mehrere dutzend Leute.

Besonders interessiert war ich daran, wer dort eigentlich hinfährt. Die Fähre war nicht zu 100%, aber doch ziemlich ausgelastet – wahrscheinlich um die 500 Passagiere. Die Hälfte war älteren Semesters, sprich Rentner, die jetzt die Zeit dafür haben. Einige andere waren beruflich unterwegs — Handwerker und Bauarbeiter zum Beispiel. Um die 100 waren relativ jung — Studenten oder Uniabsolventen, die einfach Interesse an der Natur oder am Tauchen haben. Aber mich eingeschlossen konnte ich nur 4 Ausländer ausmachen, was bemerkenswert ist, denn der Rest des Landes stöhnt unter der Flut der Touristen. Wahrscheinlich ist die Tatsache, dass man für die Inseln inklusive Anreise mindestens 6 Tage einplanen muss, wohl doch eine allzu große Hürde. Zu unrecht, wie ich finde, denn dank der begrenzten Transportmöglichkeiten ist es paradiesisch ruhig auf den Inseln. Und von der Unterwasserwelt dort war ich mehr beeindruckt als vom Great Barrier Reef in Australien. Die Ogasawara-Inseln sind ein bisschen wie Okinawa — nur ohne die vielen Menschen.

Das Ergebnis dieser kleinen Reise gibt es — zum größten Teil — nun hier zu lesen. Meine Begeisterung über Ogasawara erkennt man daran, dass dies nun der längste Artikel zu einem Reiseziel auf dem Japan-Almanach geworden ist:

tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

3 Kommentare

  1. Das mit den 24 Stunden offline auf dem Schiff kenne ich noch von einer Tour mit der Faehre von Nagoya nach Tomakomai (Hokkaido). Die ist sogar rund 40 Stunden unterwegs, und dieselben Poette, die die Runde vor 20 Jahren gefahren sind, fahren immer noch… Moeglich, dass es heutzutage besser laeuft, aber vor 20 Jahren war man 圏外, bis auf den Zwischenhalt in Sendai.

  2. Kein Wifi und kein Funknetz auf dem Schiff. Da hattest du wohl viel Zeit auf der Rückreise für den besonders ausfühlichen Bericht über Chichijima? Sehr gut.
    Erfreulich, das der Overtourismus noch nicht jeden Winkel Japans erreicht hat.

    • Ganz genau! Gut die Hälfte des Artikels entstand auf dem Schiff.

      Schöne Landstriche ganz ohne Touristen bin ich ja aus den Coronajahren gewohnt, aber das hier war schon besonders – schön, dass es auch so bleiben wird.

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