BlogJapanisch für Fortgeschrittene: Der Artikel "za"

Japanisch für Fortgeschrittene: Der Artikel „za“

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Neulich erschien in der Online-Ausgabe der Japan Times ein interessanter Artikel zum Thema „How to properly handle the ‚the‘ in Japanese“1 – nicht nur, dass der Artikel selbst interessant ist, sondern das Thema selbst ist schon kurios. Die japanische Sprache kommt schließlich bestens gänzlich ohne Artikel aus, was umgekehrt bedeutet, dass die Sache mit den bestimmten und unbestimmten Artikeln eine große Hürde beim Erlernen von Sprachen wie Englisch, Deutsch, Französisch und dergleichen darstellt. Man muss in Tokyo und anderen Städten nie lange suchen, um irgendwo falsches Englisch zu finden, und in sehr, sehr vielen Fällen sind es falsch platzierte, fehlende oder falsch gewählte Artikel, die für Verwirrung sorgen.

Dennoch ist der englische bestimmte Artikel „the“ jedermann ein Begriff, und er wird sogar im Japanischen benutzt. Bekanntermassen ändert sich ja die Aussprache von „the“ — steht der Artikel vor einem (phonetischen) Konsonanten wie in „the bus“, wird er mit einem schwa (wie das e in „Bitte“) ausgesprochen – in der Lautumschrift wird er dann als ðə transkribiert. Da im Japanischen weder „th“ noch das schwa existieren, wird daraus ein za (Anmerkung zur Sicherheit – bei der im Japanischen am gebräuchlichsten, sogenannten Hepburn-Transkription wird das „z“ wie ein Englisches „z“ gelesen). Folgt dem „the“ ein (phonetischer) Vokal, wird daraus ein ðiː (th mit langem „i“) – doch im japanischen gibt es weder th noch „zi“, weshalb aus dem „th“ dann ein ji wird, aber das sieht man nur sehr selten.

„Za“ als Artikel wird hingegen gern verwendet — nur dass man dem „the“ hier eine neue Bedeutung zukommen lässt. Und hier wird es interessant – schließlich ist das „the“ eine grammatikalische Besonderheit, die im japanischen eigentlich nicht funktioniert, doch wer fliessend Japanisch sprechen und verstehen möchte, muss sich dennoch damit auseinandersetzen.

Der Japan Times-Author greift ein schönes Beispiel auf – ein Restaurant namens „Steak the first“. Der Name ist in der Tat ein Kopfverdreher – soll man zuerst ein Steak essen? Oder soll das das erste Steak (des Tages? Lebens?) sein? Oder wie wäre es damit:

The Nagahama Ramen
The Nagahama Ramen
Stop the traffic accident
Stop the traffic accident
Naruhodo! The World
Naruhodo! The World

Die Beispiele zeigen, wie vielseitig „the“ im Japanischen eingesetzt werden kann – und zwar nicht nur vor einem Substantiv (wie ursprünglich gedacht) im Falle von „The Nagahama Ramen“, sondern auch mitten im Wort. ストップsutoppu (stop)za (the)交通Kōtsū事故jiko ist da schon ziemlich komplex und der Titel der sehr beliebten Fernsehsendung なるほどNaruhodoza (the)ワルドwarudo (world) ebenso.

Doch wie lässt sich das ganze übersetzen? Oder soll man es einfach ignorieren?

In den meisten Fällen wird „the“ im Japanischen benutzt, um etwas positiv hervorzuheben. Die mit dem „the“ versehene Sache (oder gern auch Person) wird damit als Prototyp dargestellt,  ähnlich dem deutschen Präfix „Ur-„. Im ersten Beispiel ist Nagahama-Ramen eine Variante der beliebten Nudelsuppe, doch das Ramengeschäft will mit dem „the“ darauf hinweisen, dass es nur hier die echten Nagahama Ramen gibt. Es gibt nicht irgendwelche Nagahama Ramen, sondern DIE Nagahama-Ramen.

Etwas komplizierter wird der Slogan der Polizei „Stop the kōtsū jiko“ – stoppt die Verkerhsunfälle. Hier sollen im Prinzip einfach nur die Unfälle (quasi als höchste Form des Übels) hervorgehoben werden – auf leicht spielerische Weise, da ja auch schon das Verb („stop“) aus dem Englischen entlehnt wurde.

„Naruhodo! The World“ war ein Fernsehprogramm, dass Kuriositäten aus den verschiedensten Themenbereichen aufgreift und auf unterhaltsame Art und Weise erklärt – „naruhodo“ kann man hier mit „So ist das also!“ übersetzen, das „the“ hingegen rückt den Fokus darauf, dass es sich um diese eine Welt, in der wir leben, handelt.

In dem Sinne hört man „za“ durchaus häufig, und der Artikel ist auch ziemlich praktisch. So kann man zum Beispiel einen otaku oder einen Chef, eine aufgetakelte Schabracke oder einen Wichtigtuer gern mit einem „the“ versehen, um deutlich zu machen, dass die beschriebene Person wirklich alle Kriterien erfüllt, die das Kopfkino beim Hören des Wortes so hergibt. Man kann auch sagen, dass man nicht einfach nur Sushi gegessen hat, sondern „The Sushi“ — das einzig und wahre Sushi (sprich, es war unglaublich gut). In dem Sinne: Keine falsche Scheu bei der Benutzung sprachlicher Neuerungen. Eine Sprache, die sich nicht ändert, ist keine lebendige Sprache. Sagt ザ・旅人.

  1. siehe hier
tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

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