BlogDas Hokkaido-Beben und was man daraus lernen kann

Das Hokkaido-Beben und was man daraus lernen kann

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Die Bewohner von Osaka und Hokkaido haben dieses Jahr etwas gemeinsam: Sie alle haben ganz sicher genug von Naturgewalten, mit zwei tödlichen Taifunen und zwei tödlichen Erdbeben in diesem Jahr. Nun war der Taifun Nummer 21 nur in Osaka verheerend – Hokkaido wurde lediglich gestreift – doch nur wenige Stunden nach Vorbeizug des Taifuns wurden die meisten Bewohner von Hokkaido morgens kurz nach 3 Uhr am 6. September 2018 aus dem Schlaf gerissen. Ein Erdbeben der Stärke 6.7 mit einem Epizentrum südöstlich von Sapporo erschütterte die ganze Insel. Zwei Tage später gab man dem Beben den langen Namen 北海道胆振東部地震 Hokkaido Ost-Iburi-Erdbeben. Im Ortsbereich von Atsuma erreichte das Beben gar die Stärke 7 auf der japanischen Skala – den höchsten Wert also (die japanische Skala legt nicht Wert auf die freigesetzte Energie, sondern auf den Grad dessen, was an der Erdoberfläche an Energie ankommt). Die Folgen waren fatal: Die von dem Taifun begleitenden Regengüssen komplett aufgeweichtem Berghänge begannen sofort zu fließen – ganze Hügel sind regelrecht zerschmolzen und haben etliche Gehöfte unter sich begraben. Auch in der nahen Millionenstadt Sapporo gab es beträchtliche Schäden an Gebäuden und Infrastruktur, unter anderem durch Bodenverflüssigung. Doch damit nicht genug: Unweit von Atsuma steht das größte aktive Kraftwerk von Hokkaido, und dieses musste aufgrund von Turbinen- und anderen Schäden vom Netz genommen werden. Die anderen Kraftwerke der Insel konnten den Verlust nicht abfangen und schalteten sich dementsprechend auch ab, um einer Überlastung vorzubeugen. Und so kam es zu einem vollständigen Blackout der gesamten Insel, der zwar mittlerweile zu einem guten Teil behoben ist, doch mit den Folgen muss noch eine Weile gekämpft werden. Bis zum 10. September waren zudem 40 Todesopfer zu beklagen – die meisten starben aufgrund von Bergrutschen in ihren Häusern.
Schwere Erdbeben sind auf Hokkaido beileibe keine Seltenheit – gerade im Osten der Insel wackelt die Erde häufig und heftig. Eine aktive Verwerfung bei Atsuma war den Geologen auch schon lange bekannt, doch das jetzige Erdbeben gibt trotzdem Rätsel auf, und zwar aufgrund der Tiefe (knapp 40 Kilometer). Zwar hat man bei der Vorhersage von Erdbeben entlang aktiver Verwerfungslinien und Plattengrenzen ein paar Fortschritte gemacht, doch von Verwerfungen in diesen Tiefen war in Hokkaido so weit nichts bekannt – das Erdbeben kam ohne Vorwarnung. Dass das Beben nun auch noch Stunden nach einem vorbeiziehenden Taifun geschah, kann man dabei sehr wohl als worst case scenario bezeichnen. Doch das Beben offenbart auch die Schwächen in der japanischen Stromversorgung: Nur eine Dezentralisierung des Energienetzes kann Blackouts solcher Größenordnungen verhindern, und da gibt es noch viel zu tun. Wenigstens war aber das AKW von Tomari, nordwestlich von Sapporo, abgeschaltet – auf der sicheren Seite war es dennoch nicht, denn dort lagern gut 1’500 Brennstäbe, und das AKW war nach dem Erdbeben einen halben Tag lang von der externen Stromversorgung abgeschnitten – man musste auf Notstrom umschalten.
Das Erdbeben von Ost-Iburi stellt Japan entsprechend vor drei wichtige Aufgaben:

  1. Das Erdbeben muss ausgiebig erforscht werden – da es weder ein eindeutiges Plattenbeben noch ein Verwerfungsbeben war, muss man herausfinden, welcher Mechanismus dahinter steckte – und ob ein ähnliches Erdbeben auch in anderen Regionen möglich ist
  2. Ein Stromausfall dieser Größenordnung ist selten, aber offensichtlich nicht unmöglich. Ein Stromausfall dieser Größenordnung im Großraum Tokyo könnte katastrophale Folgen haben und dürfte wesentlich schwerer zu beheben sein. Natürlich gibt es entsprechende Notfallpläne, aber die Erfahrungen aus Hokkaido müssen dort mit einfließen
  3. Pläne zur Wiederinbetriebnahme des AKW Tomari (und anderer AKW in Japan) müssen neu bewertet werden. Mit „Atomkraft Nein Danke!“ kommt man in Japan nicht weit, dazu fehlt der Rückhalt unter Politikern (und eine sehr große Basis im Volk). Die Planungsverantwortlichen müssen jedoch endlich etwaige Risiken haarklein analysieren und die Ergebnisse veröffentlichen
tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

2 Kommentare

  1. Zu beneiden sind sie nicht gerade da oben auf Hokkaido. Hoffen wir mal, dass sie die gröbsten Schäden bis zum Einsetzen des Winters soweit beseitigt haben. Erinnert mich etwas an das Kyushu Beben. Da hat es ja auch noch einige Zeit Nachbeben bis zu Shindo 4 gegeben.

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