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47 Ronin

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Am vergangenen Wochenende habe ich es doch tatsächlich geschafft, den 泉岳寺 Sengakuji zu besuchen – ein Tempel im Herzen Tokyos, unweit der Bahnstation Shinagawa. Der Tempel steht auf der Speisekarte vieler Japanbesucher, denn hier befinden sich die Gräber der „47 Ronin“ – der 47 herrenlos gewordenen Samurai, die ihren Meister rächten und dafür mit ihrem Leben zahlten.

Was war passiert? Asano Naganori, der Daimyō des Akō-Lehens (Akō ist eine Stadt in der heutigen Präfektur Hyōgo), reiste nach Edo, dem heutigen Tokyo, um dort bei der damaligen Regierung, dem Bakufu, vorzusprechen. Das war damals Pflicht – alle Daimyō mussten regelmäßig zum Rapport nach Edo. Dort traf er auf Kira, den obersten Zeremonienmeister am Hofe, und die beiden waren nicht gut aufeinander zu sprechen. Genaueres ist nicht überliefert, aber der Daimyō war wohl recht erzürnt ob der Respektlosigkeit des Zeremonienmeisters und versuchte, selbigen mit seinem Schwert zu strecken. Das misslang, und der Shōgun (oberster Herrscher zu jener Zeit) befahl umgehend, dass Asano hingerichtet werden soll, so er nicht Selbstmord durch seppuku (fälscherlicherweise im Ausland als „Harakiri“ bekannt) begeht. Das Ergebnis ist zwar das Gleiche, aber bei Seppuku gilt die Ehre als gewahrt, während eine Hinrichtung den Toten als blossen Kriminellen in Erinnerung bleiben lässt. Doch damit war der Strafe nicht genug: Das gesamte Lehen des Daimyo wurde vom Shogun beschlagnahmt.

Damit wurden die dem Daimyo unterstellten Samurai plötzlich „herrenlos“ – sie wurden zu 浪人 rōnin, die es damals häufig gab, und die nicht selten später ihr Leben als marodierende Gauner fristeten. 浪 bedeutet im wesentlichen „Welle“, und 人 bedeutet „Mensch“. Es sind also „treibende Menschen“, und den Begriff verwendet man auch noch heute – für all die jungen Menschen, die die Aufnahmeprüfungen an den gewünschten Universitäten nicht bestehen konnten und deshalb ein Jahr „aussetzen“ müssen (die Zeit wird in der Regel mit Lernen verbracht, um es im folgenden Jahr zu schaffen).

47 dieser „Rōnin“, sie hatten mittlerweile erfahren, was ihrem Herren widerfuhr, beschlossen, den Daimyo zu rächen. Sie reisten nach Edo, und stellten dort Kira zum Kampf, in dessem Verlauf selbiger seinen Kopf verlor. Dieser wurde zum frischen Grab des Daimyo gebracht – die Rache war damit vollendet. Da die 47 Ronin damit ihre Mission als beendet sahen, stellten sie sich der Polizei, und auch sie wurden vor die Wahl gestellt: Hinrichtung oder Seppuku. Daraufhin begingen alle 47 Männer Seppuku und wurden hernach neben dem Grab ihres Herren beerdigt.

Die 48 Gräber (der Ronin und des Daimyo) gibt es noch heute – in einem gesonderten Bereich des Sengaku-ji. Wer hinein will, darf das nur mit einem Bündel von knapp 100 お線香 osenkō, traditionelle Räucherstäbchen, die ähnlich wie die Kerzen in manchen Kirchen den Toten geweiht werden. Diese Räucherstäbchen werden auch gleich angezündet und in einer Bambusschale gereicht – dafür entrichtet man einen Obolus von 300 Yen. Mit den Räucherstäbchen geht man hernach von Grabstein zu Grabstein und hinterlässt dort eins, zwei Räucherstäbchen an dafür vorgesehenen Stellen.

Ein bisschen konnte ich verstehen, warum der Tempel so beliebt ist. Die verwitterten Grabsteine, der Qualm der Räucherstäbchen, dazu eine erschaudernde Geschichte — das alles hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Dem Japaner allerdings mit gemischten Gefühlen gegenüberstehen, denn der Aberglaube ist weit verbreitet, vor allem, wenn es um den Tod geht, und so machen die meisten lieber einen Bogen um diesen Ort der verlorenen Seelen.

Bald Geschichte: Am alten Takanawa-Tunnel
Bald Geschichte: Am alten Takanawa-Tunnel

Sehr interessant fand ich allerdings auch den alten Takanawa-Tunnel, nur rund 300 Meter vom Tempel entfernt: Mit einer lichten Höhe von 1,70 m ist dieser Tunnel selbst für japanische Verhältnisse extrem klein, erst recht, wenn man bedenkt, dass dies einst ein rund 200 m langer Strassentunnel war. Heute ist der Tunnel nur noch halb so lang und für Autos gesperrt. Und bald wird er wohl, es verwundert nicht, ganz verschwinden, denn inmitten all der nagelneuen Bauwerke, die rundherum entstehen, ist dieser Tunnel ein Anachronismus.

Direkt neben den Bahntrassen am Takanawa-Tunnel wird nun übrigens die alte Trasse der ältesten japanischen Eisenbahn freigelegt. Die Bahn fuhr ab 1872 von Yokohama nach Tokyo, und bei Takanawa fuhr sie auf einem künstlichen Damm mitten durch das Meer. Selbiges ist heute einen guten Kilometer von der alten Strecke entfernt.

Überreste des Bahnhdamms der ersten japanischen Eisenbahn in Takanawa
Überreste des Bahnhdamms der ersten japanischen Eisenbahn in Takanawa
tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

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