BlogWenn die Kindheit plötzlich vorbei ist

Wenn die Kindheit plötzlich vorbei ist

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Was für ein abrupter Wandel. Im März dieses Jahres absolvierter mein Jüngster also nach 6 Jahren Grundschule die selbige – und rückte danach in die Mittelschule auf. 3 Jahre wird er dort bleiben. Als meine Tochter den Wechsel vollzog, fiel es nicht allzu sehr auf, denn sie setzte sich in der Regel von ganz allein hin und lernte. In der Grundschule, und nach der Grundschule. Mein Sohn hingegen ging morgens kurz vor 8 zur Schule und kam am Nachmittag gegen 3 Uhr zurück. Danach hieß es spielen – entweder draußen oder an diversen Geräten zu Hause. Hauptsache nicht lernen.

Doch die Mittelschule bedeutet, dass man sich langsam Sorgen über die nächsthöhere Schule machen sollte – einen längeren Artikel dazu habe ich vor gut einem Jahr hier verfasst. Und da man mit Binge-Minecrafting und was auch immer nicht furchtbar weit kommt, wurde Sohnemann nun auch an einer Juku eingeschrieben. Und es wird an der Schule langsam erst, denn der erste 定期Teikiテストtesuto stand neulich an. Diese „regelmäßigen Prüfungen“ sind ein fester Bestandteil an der Mittelschule, denn die Ergebnisse sind relevant für die Entscheidung, welche Oberschule man später besuchen kann. Doch welche Prüfungen gibt es überhaupt? Das hängt ein bisschen davon ab, wo man wohnt und ob man an eine öffentliche oder private Mittelschule geht, aber meistens gibt es die folgenden:

Trimester Test Wann Fächer
1 中間Chūkanテストtesuto< Mitte/Ende Mai 5
1 期末Kimatsuテストtesuto Ende Juni/Anfang Juli 9
2 中間Chūkanテストtesuto Mitte/Ende Oktober 5
2 期末Kimatsuテストtesuto Anfang/Mitte Dezember 9
3 学年末Gakunenmatsuテストtesuto Ende Feb/Anfang März 9

Das Schuljahr (welches ja in Japan im April beginnt) wird also in Trimester unterteilt, mit jeweils zwei Prüfungen in den ersten beiden Trimestern und der großen Schuljahresabschlußprüfung. Bei den Zwischenprüfungen werden meistens nur die 5 Hauptfächer (科目kamoku) geprüft, bei den größeren Prüfungen auch die Nebenfächer:

  1. 国語kokugo (Muttersprache)
  2. 数学sūgaku (Mathematik)
  3. 理科rika (Wissenschaft)
  4. 社会shakai (Gesellschaftskunde)
  5. 英語eigo (Englisch)
  6. 音楽ongaku (Musik)
  7. 美術ongaku (Kunst)
  8. 保健hoken体育taiiku (Sport & Gesundheit)
  9. 技術gijutsu家庭katei (Technik & Haushalt)

Die jukus, also die Nachhilfeschulen, sind beim japanischen Bildungssystem leider ziemlich notwendig — es sei denn, man kann sehr, sehr viel Zeit mit den Kindern verbringen, um nachzuhelfen, oder falls die Kinder extrem diszipliniert und motiviert sind. Der Grund ist recht einfach — vieles, was in den Prüfungen drankommt, wurde im Unterricht kaum oder gar nicht behandelt, und bei bis zu 40 Schülern ist es unmöglich, festzustellen, ob alle alles verstanden haben oder nicht. Die jukus helfen dementsprechend bei den Vorbereitungen.

Auf jeden Fall lernen!
Auf jeden Fall lernen!

Was empfiehlt man nun als Vorbereitung auf die Prüfungen? Nun — とにかくtonikaku勉強benkyō. Auf jeden Fall lernen. Das erinnert mich doch stark an den Slogan, den wir damals eingebleut bekamen – ein Zitat vom guten alten Lenin:

УчитьсяLernen, учитьсяlernen иund ещё раз nochmals учитьсяlernen

Da beisst die Maus wohl keinen Faden ab. Die juku meines Sohnes zum Beispiel empfiehlt in der Woche vor den Prüfungen, an Tagen, in denen es Unterricht an der Juku gibt, täglich 4 Stunden zu Hause zusätzlich zu lernen – und an Tagen ohne juku 7 Stunden. Das ist eine ganze Menge, vor allem, wenn man bedenkt, dass in der Mittelschule auch die 部活bukatsu, die ausserschulischen Aktivitäten (meistens Sport) an Fahrt aufnehmen.

Und so nahm die Kindheit ein abruptes Ende: Der Sohn ist nun an manchen Tagen bis um 18 Uhr an der Schule (Unterricht bis 3 oder 4, danach Sport), an 2 bis 3 Tagen geht es dann nach 18 Uhr bis 21 Uhr an die juku, und zu Hause wird dann noch bis Mitternacht gelernt. Naja, natürlich nicht immer. Aber immerhin hat er sich bei der ersten Zwischenprüfung halbwegs wacker geschlagen – mit viel Luft nach oben, versteht sich – und immerhin machen ihm Sport und juku Spaß, und das ist erstmal wichtig.

tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

4 Kommentare

  1. Erinnert mich sehr an das Universitätssystem von Jura. Dort hört man, dass man das Jurastudium theoretisch auch ohne Repetitorium (Zusatzunterricht) schaffen kann, der Besuch eines solchen ist aber wohl sehr üblich.

    Ich frage mich nur, ob man nach einem ganzen Schultag um 18 Uhr dann überhaupt noch aufnahmefähig ist.

    Wie kann man sich den Unterschied zwischen normaler Schule und Juku dann vorstellen, wenn die Prüfungsinhalte gar nicht im normalen Unterricht vorkommen? Ist das wie Vorlesung vs. Übung/Tutorium an der Uni (also Theorie vs. praktische Anwendung) oder werden im Juku wirklich Inhalte behandelt, die im normalen Unterricht überhaupt nie vorkamen, dann aber plötzlich in der Prüfung gewusst werden müssen (z.B. im Unterricht wird Wurzelrechnung gelernt, in der Prüfung muss aber Bruchrechnung benutzt werden)?

  2. Wie nachhaltig kann so ein Marathonlernen sein, wenn die Konzentrationleistung eines 12 jährigen Kindes gerade mal 30 Minuten sind? Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Kinder morgens ausgeschlafen in die Schule gehen, wenn sie bis Mitternacht lernen. Ich stelle die Empfehlung der Juku vor Prüfungen 4 bis 7 Stunden am Tag zu lernen in Frage. Das ist einfach zuviel für ein 12 jährges Kind. Ausgeschlafen zu lernen bringt sicher mehr in kürzerer Zeit.
    Mir scheint, du bist auch nicht sehr überzeugt von diesem System. Aber als Eltern habt ihr wohl keine andere Wahl. Gegen den Stom zu schwimmen ist nicht leicht.
    Deine Überschrift „Wenn die Kindheit plötzlich vorbei ist“ klingt sehr hart, aber sie trifft genau.

  3. Das japanische Schulsystem ziehe ich dem deutschen bei weitem vor, aber das muss nicht sein. Ohnehin denke ich nicht dass die Kinder dann noch aufnahmefähig sind. Als Erwachsene Studentin mache ich jedenfalls nicht so viel.

  4. Wenn ich mir so in Erinnerung rufe, wie „fleißig“ ich in der Schule und Teilen des Studiums war und dann mir diese hier beschriebenen Lernpensen vorstelle, frage ich mich zum einen wie jeh etwas aus mir werden konnte oder wie effektiv diese täglichen Lernmarathons tatsächlich sind?

    In keiner Lebensphase kann ich mich erinnern bis Mitternacht gelernt zu haben. Irgendwann ist doch einfach der Kopf zu und muss die Dinge verarbeiten und auch einen Ausgleich haben…
    Gerade in der Kindheit

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