BlogOh, oh, Olympia...

Oh, oh, Olympia…

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So ganz kann und will ich mich den Olympischen Spielen nicht verschließen. Zumindest einige Sportarten sehe ich recht gern, so es die Zeit erlaubt. Aber das japanische Fernsehen kann da den nicht-japanischen Betrachter gelegentlich auf harte Geduldsproben stellen. In meinem Fall ist das vor allem bei zwei völlig unterschiedlichen Wörtern der Fall.
Das erste lautet しかし shikashi und bedeutet „aber, jedoch“. Das geht meist so: Die Sportberichtserstattung plätschert vor sich hin, alles sieht schmuck aus, doch genau in dem Moment, in dem man denkt „Na bitte, geht doch!“ fällt das Zauberwort: shikashi. Drei Silben, und danach läuft alles nur noch schief. Na toll. Nicht, dass es nun besonders dramatische Auswirkungen auf meinen  Fortbestand und den der restlichen Menschheit hätte, wenn die japanische Ringerin in der 150+ kg-Gewichtsklasse den Kampf um einen Platz auf dem Treppchen verliert oder nicht, aber schlechte Nachrichten sind nunmal schlechte Nachrichten. Und japanische Sportreporter haben, so empfinde ich es jedenfalls immer, ein wunderbares Gespür dafür, diese drei Silben wie eine Bombe zu platzieren. Sprich, sie benutzen immer die gleiche Dramatik bei Berichten über vorangegangene Ereignisse: Erst die positiven Elemente, dann die drei Silben, und was folgt ist eine Anreihung kleiner Katastrophen, wobei die Hauptperson (auf Neudeutsch: Loser) auf keinen Fall Schuld war. Schuld war wahlweise das Wetter, falsches Essen im Flugzeug, der fiese ausländische Gegner oder was auch immer. Ihr glaubt mir nicht? Einfach mal Zusammenfassungen von Volleyball-Turnieren im japanischen Fernsehen schauen, denn da verliert man besonders gern.
Das zweite Wort ist schon etwas komplizierter: 徹底分析 tettei bunseki, auf deutsch „gründliche Analyse“. Dieses Wort wird von Sportreportern gebraucht, falls das erste Wort dummerweise nicht benutzt werden kann, weil das Objekt der Berichterstattung gewonnen hat. Sowas soll vorkommen, und es kommt bei der jetzigen Olympiade sogar relativ häufig vor: Japan legt sich in jüngster Zeit nicht nur beim Fußball, sondern auch bei anderen Sportarten richtig ins Zeug. Falls dann eine Medaille gewonnen wird (so zum Beispiel beim Turnen durch Uchimura gestern), wird das im Fernsehen elendig lange zelebriert. Das ist natürlich voll in Ordnung – klar kann man auf diese Leistung solz sein. Aber die Nachrichten beginnen dann mit „Im Sportteil werden wir natürlich gründlich analysieren, warum XYZ gewonnen hat. Öhm, warum wohl? Weil er besser war als die anderen? Zu Wort kommen dann die damaligen Grundschullehrer, die Ehefrau nebst Kindern, so vorhanden, die bettlägerige Urgroßtante, irgendwelche Zufallsgestalten aus dem gleichen Weiler und so weiter und so fort. Natürlich haben das alle irgendwie gewusst und erwartet. Am besten ist dann der Teil, bei dem die japanischen Fernsehfritzen wahllos Ausländer (in diesem Fall in London) anhalten und fragen, ob sie auch so beeindruckt von dem japanischen Sportler XYZ waren. Ein Reporter berichtete dabei heute stolz, dass er extra dazu ein Schild gemalt hat, um es dann den armen Opfern zeigen zu können. Darauf stand in krakeliger Handschrift: „Thanks you“! Ja, gerner geschehen! Der Typ bekommt jedenfalls keine Goldmedaille für Fremdsprachen.
Ich hoffe, dass Japan auch in Zukunft viele Medaillen gewinnt. So viele, dass man sich daran gewöhnt. Aber das wird nie der Fall sein. Man braucht sich nur populäre Filme und Serien im japanischen Fernsehen ansehen, um zu wissen, dass die meisten Japaner ganz offensichtlich auf diese Art der Dramaturgie stehen. Würde ja lieber den Livestream auf ARD sehen, aber ich habe keine Lust, mich allein deshalb wieder mit diversen Proxy auseinandersetzen zu müssen. Denn: Olympia hin oder her, im Ausland darf der Live-Stream nicht gezeigt werden. In diesem Sinne: Sport frei!

tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

7 Kommentare

  1. Hehehe, so isses!
    Olympia ist kein internationales sondern ein rein japanisches Ereignis – zumindest was die Berichterstattung angeht. Nicht einmal den Medaillenspiegel bekommt man zu sehen, nur dass Japan auf Platz soundsoviel steht (wenn denn ueberhaupt). Und Internet – jau auch bei mir nix gewesen, ARD und ZDF stehen halt nur „reinen Germanen“ zur Verfuegung. Begnuegen wir uns also mit der schriftlichen Berichterstattung – immer noch besser als Dauerwiederholung Nummer 68 im japanischen Fernsehen *_*!

  2. Ich fand die japanische Sportberichterstattung auch immer schrecklich.
    Unglaublich reisserisch und auf Dramaturgie zugespitzt bis zum nicht mehr geht.
    Da lobe ich mir unser etwas unterkühlt sachliches ARD/ZDF.

  3. Funktioniert der Eurosport-Player denn von Japan aus auch nicht? Im TV bevorzuge ich die Eurosport-Übertragung, weil die Kommentatoren nicht so dröge wie bei ARDZDF sind und die Sportartauswahl meistens (für mich) interessanter und abwechslungsreicher ist.

  4. Schon mal mit zattoo.com probiert? Keine Ahnung, ob das funktioniert. Da ich wenn im Ausland nur kurz bin, kann ich gut auf deutsches Fernsehen verzichten.

  5. @gojira, Terry
    Eurosport-Player? Geht nicht. Zattoo? Geht auch nicht (ging früher aber mal, glaube ich). Ohne langes Rumpfriemeln mit Proxies geht wirklich kaum noch was, und so scharf bin ich dann doch nicht auf Fernsehen :(

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