BlogMal eben schnell ein Lied schmettern

Mal eben schnell ein Lied schmettern

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Manchmal kommen Japaner auf seltsame Ideen. Ging mir jedenfalls so durch den Kopf, als ich neulich in einem Aeon-Cinema genannten Kino seltsamer Kabinen gewahr wurde. „HACOKARA“ steht dort drauf, ganz in gewohnter „wir kürzen alles auf 4 Silben ab“-Manier. Viel musste ich ob der Bestimmung jener Kanickelbuchten nicht grübeln – „HACO“ (also „hako“) bedeutet Schachtel, Box und dergleichen, und das als Mikrophon gestaltete „A“ in „kAra“ machte deutlich, dass es sich hier um Karaoke handeln muss. Praktischerweise stand auch gleich drauf, was als Obolus fällig wird: 100 Yen (also rund 0.8 Euro). Und zwar pro Lied. Wählt man also Iron Maidens knapp 14 minütiges „Rime of the Ancient Mariner“ zum singen aus, bekommt man ordentlich was für sein Geld. Napalm Deaths berühmtes Œuvre „You suffer“ (2 Sekunden) singt man jedoch besser woanders – unter der Dusche zum Beispiel, oder in der Schlange beim Supermarkt.

5 fensterverglaste Seiten, zwei Schemel, 2 Mikrofone, 4 Kopfhörer und eine digitale Jukebox mit großem Bildschirm soll also Karaokafans in der Eingangshalle des Kinos dazu einladen, mal eben vor den Augen (und wahrscheinlich zu einem gewissen Maße auch Ohren) der anderen Filmfans loszuträllern. Ob sich das durchsetzen wird… Der Markt als solcher ist auf jeden Fall da. Laut dem Karaoke-Weißbuch von 2016 1 sieht die Lage so aus:

Es gibt rund 390’000 Karaokemaschinen in ganz Japan, die in einem Jahr zusammen einen Umsatz von rund 1,4 Milliarden Euro generieren. Das wären im Bevölkerungsschnitt also gute 10 Euro pro Einwohner. Der Bedarf ist also da und der Umsatz beträchtlich. Trotzdem wage ich zu bezweifeln, dass die Karaokeboxen im Kinofoyer Selbstläufer sind – zumindest nicht in der jetzigen Form, wo quasi jeder reinschauen kann.

Manche Leute mögen Karaoke, manche eher nicht. Für mich ist Karaoke ein Graus, und das aus zwei Gründen:

1) Ich kann nicht singen. Ich war der einzige in meiner Klasse, der von der Musiklehrerin nach der ersten Strophe vor versammelter Klasse mit den aufmunternden Worten „Danke, das reicht!“ gebeten wurde, doch bitte aufzuhören. Der Rest durfte jeweils das gesamte Lied vortragen. Dafür gab es dann auch immer eine stabile 4. (Anmerkung: Das war nur bei einer Lehrerin der Fall. Die nächste unterbrach mich zwar auch gelegentlich, gab mir dann aber eine 2 „für’s versuchen“)

2) Obwohl ich selbst nicht singen kann, tut es mir beinahe physisch weh, wenn jemand den Ton nicht trifft oder jemand sich mit dem Instrument verspielt. Leider habe ich diesbezüglich ein gutes Gehör und dummerweise auch ein gutes Gedächtnis. Jegliche unmelodische Abweichung registriere ich sofort, und es bereitet mir Unbehagen.

Da 2) auch bei 1) passiert, und da die allermeisten Menschen auch 2) bei mir verursachen, ist Karaoke etwas, was ich versuche, zu vermeiden. Erfolgreich, so weit – ich denke, ich war erst vier Mal (oder so) quasi gezwungen in einer Karaoke-Bar.

HACOKARA - Instant-Karaoke im Kinofoyer
HACOKARA – Instant-Karaoke im Kinofoyer
  1. siehe hier
tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

1 Kommentar

  1. Beim Lesen dieses Artikels habe ich mich ausgeschüttet vor Lachen, danke dafür. Der Stress des heutigen Tages ist jetzt abgefallen :-)

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