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Briefe des Kobe-Mörders
Briefe des Kobe-Mörders

Es war 1997, und ich hatte gerade damit begonnen, Japanisch zu lernen. Unsere Lehrerin legte uns damals gelegentlich Nachrichtenartikel vor, und einer blieb mir in bleibender Erinnerung – es ging um einen Mordfall in Kōbe. Der Mörder gab sich den Namen 酒鬼薔薇 聖斗 Sakakibara Seito und hatte es vor allem auf Kinder abgesehen. Drei Kinder wurden von dem Täter zum Teil schwer verletzt, zwei überlebten nicht. Seinem letzten Opfer, einem 11-jährigen Jungen, trennte der Mörder den Kopf ab und legte ihn, nachdem er die Augen entfernt und das Gesicht verstümmelt hatte, mit einem Bekennerschreiben im Mund vor die örtliche Schule. Das Bekennerschreiben ebenso wie Briefe an die Presse waren ziemlich kryptisch, wohl formuliert und furchteinflössend da vom Inhalt her abgrundtief böse. Die Besonderheit an der Tat: Der Mörder war gerade mal 14 Jahre alt (eine sehr ausführliche Beschreibung des Vorfalls gibt es hier auf Japanisch und hier, wenngleich viel kürzer, auf Englisch).
Vorgestern kam es zu einem anderen Mord, der mich sofort an den Artikel zurückdenken liess. In Sasebo, bei Nagasaki, ermordete eine 15-jährige Mittelstufenschülerin ihre Klassenkameradin und trennte der Leiche danach in ihrem eigenen Zimmer den Kopf und die linke Hand ab. Da sie die Tat in einem einschlägigen Forum (das berüchtigte 2-Channel) schilderte und die Klassenkameradin vermisst wurde, führte die Spur am nächsten Morgen zur Täterin. Die bereute in einem ersten Gespräch mit der Polizei wohl nichts und gab an, schon immer mal so etwas machen wollte. Wahrscheinlich kein Zufall ist bei diesem Geschehen die Tatsache, dass im selbigen Sasebo vor 10 Jahren, also 2004, eine 12-jährige Schülerin eine Mitschülerin erstach. Im vorgestrigen Fall wurde klar, dass die beiden in die gleiche Klasse gingen und gleiche Leidenschaften teilten. Die Mutter der Täterin verstarb vor einem Jahr an Krebs, und der Vater heiratete kurz darauf eine andere Frau.
Aus diesen Fällen kann man natürlich keine grossen Schlüsse ziehen, aber diese Fälle sind natürlich furchteinflössend – zumal sie ja von Kindern begangen wurden, die nicht wegen Mordes angeklagt werden können. Auch der Kōbe-Mörder ist seit Jahren auf freiem Fuss und angeblich nahezu vollständig resozialisiert. Da er zur Tatzeit minderjährig war, darf sein wahrer Name nicht bekanntgegeben werden. Aber dass die Leute Angst haben, er könnte heute in unmittelbarer Nachbarschaft leben, ist natürlich verständlich: Und so bietet Google, wenn man nach dem oben genannten Zwischenfall (offizielle Bezeichnung: „Kōbe Serienkindermord-Vorfall“) sucht, sofort als Suchhilfe den Begriff „wahrer Name“ an: Den findet man freilich nicht, aber es ist klar dass viele Menschen nach eben dieser Information suchen.
Ob ein Kind, dass eine solche Tat begangen hat, je ein „normaler“ Mensch, was auch immer das sein mag, werden kann, wage ich hindes nicht zu beurteilen. Als Mensch sage ich ja, als Vater zweier Kinder wohl doch eher nein…

tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

17 Kommentare

  1. Ich bin ohne Erwartungshaltung an den Eintrag gegangen, aber an Kinder hätte ich im Traum nicht gedacht.
    Was meinst du aber damit? Die 15-jährige ist mit der 12-jährigen von 2004 (heute also 22-jährigen) in eine Klasse gegangen?
    „Wahrscheinlich kein Zufall ist bei diesem Geschehen die Tatsache, dass im selbigen Sasebo vor 10 Jahren, also 2004, eine 12-jährige Schülerin eine Mitschülerin erstach. Im vorgestrigen Fall wurde klar, dass die beiden in die gleiche Klasse gingen und gleiche Leidenschaften teilten.“

    • Entschuldige, das war ein Gedankensprung, den ich noch weiter ausführen wollte.
      Der Vorfall von 2004 hatte wohl in der Stadt hohe Welle geschlagen – man geht davon aus, dass die Täterin, damals um die 5-6 Jahre alt, die Aufregung auch mitbekommen und im Hinterkopf hatte.

    • Der Link ist mit Vorsicht zu geniessen – das ist wirklich nichts für schwache Nerven, wenn man bedenkt, dass da in Echtzeit geschrieben wurde…
      Ob das Mädchen unzurechnungsfähig war, wage ich zu bezweifeln. Sie ist wohl sehr planend vorgegangen. Aber nach dem Vorfall in Kobe hatte man die Gesetze geändert, so dass die Täterin so schnell wohl nicht in die Gesellschaft entlassen wird.

  2. Es gab einen sehr ähnlichen Fall in England um 1990. Zwei 8 jährige ermordeten einen 2 Jahre alten Jungen. Sie wurden bis zum 18 Lebensjahr in psychologisch betreuten geschlossenen Einrichtungen untergebracht und gingen dann unter neuem Namen wieder ins öffentliche Leben. Das Problem in dem Fall war dass sie in der Zeit nach der Entlassung nur unzureichend betreut wurden und es deshalb viele Probleme gab. Re. können sie jemals wieder der Gesellschaft eingegliedert werden. Da belibt noch viel Bedarf an Verbesserungen, nicht nur in Japan.

  3. Generell ist jeder zu allem fähig…somit schockt mich sowas nicht mehr wirklich…
    (und jeder heißt jeder…also auch jeder, der das hier liest und auch ich, der das hier schreibt – genauso heißt auch „allem“ ebenfalls „alles“…im positiven wie im negativen)

    • Das ist so nicht richtig. Unter den richtigen Umständen kann wahrscheinlich jeder zum Mörder werden – vielleicht. Aber zu einer solchen Tat (aus Neugier ermorden und zerstückeln) ist nicht jeder fähig. Das ist die Tat eines Psychopathen, meist mit überaus grosser Intelligenz (die Täterin soll angeblich auch hochintelligent sein). Sicher braucht es dazu äußere Anlässe, aber ich bin fest davon überzeugt, dass man dazu auch ein besonders verdrahtetes Gehirn braucht.

      • Naja…da hast du eindeutig noch mehr Vertrauen in die Menschheit als ich ^_^
        Ich habe eher das Gefühl, dass viele einfach in ihrer heilen Welt bleiben wollen…und immer wieder heißt es aufs neue „ja, aber er / sie wäre doch NIE NIEMALS NICHT !!!!einself dazu in der Lage gewesen…“
        Fakt ist: die Leute sinds trotzdem…auch wenn man es nicht von ihnen erwarten würde…und man immer wieder aufs neue geschockt tut. Und auch wenn nicht wirklich jeder zu sowas in der Lage wäre, so muss man trotzdem davon ausgehen…denn WENN sie sowas wirklich tun, sieht man es ihnen einfach nicht an.

        • Ich denke, der Unterschied ist, dass manche von uns vielleicht denken, es wäre interessant, einen Menschen aufzuschneiden, es aber nicht tun.
          Von Extremsituationen wie Selbstverteidiung oder meinetwegen dem Einfluss gewisser Substanzen abgesehen sind die meisten von uns durchaus in der Lage, ohne zu töten durchs Leben zu gehen.

  4. Es scheint mir sehr selten dass Artikel zu diesem Thema objektiv geschrieben werden – daher an dieser Stelle: Danke für den objektiven Beitrag. Generell könnte die Presse (vor allem hier im Deutschsprachigen Raum) sich etwas davon abschneiden.

    • Generell sind solche Vorfälle prima geeignet, das Volk in der einen oder anderen Weise zu „unterhalten“. Daher wird man in der „Mainstreampresse“ niemals einen objektiven Beitrag finden. Dafür müsste man sich Fachliteratur besorgen, welche mehr an den Hintergründen in der Person interessiert ist als an den Emotionen unbeteiligter.

      • Ich stimme zu.
        Mit ‚Generell‘ möchte ich jedoch die Aussage für jegliche andere Themen bestärken. Da sind die aktuellen politischen und militärischen Probleme in Europa & Welt auch nur ein weiteres Beispiel. Ich sehne mich nach Medien (oder auch Blogs) die informieren und nicht die Sensationsgeilheit suchen – die Hinterfragen und nicht diktieren.
        Darum empfange ich jeden objektiven Artikel mit Freude und offenen Armen. :)

    • Na, ganz objektiv ist mein Beitrag auch nicht. Aber, und darauf bin ich stolz, auch nicht effekthaschend oder sensationsgeil. Wohl auch einer der Gründe, warum sich mein Buch so schlecht verkauft :)
      Egal, natürlich werde ich so weitermachen, ich kann nicht anders. Danke für die Blumen jedenfalls – wenn ich das lese, weiss ich wieder, wofür ich schreibe.

  5. Da fällt mir spontan der Kindermord von 1993 in Liverpool ein, wo zwei 10jährige ein Kleinkind von 3 Jahren zu Tode quälen. Der Junge war James Bulger. Hier zu Lande sperrt man die Täter erst mal für Jahre weg. Ist das auch so in Japan?

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