BlogJapanische Etikette - ein Irrtum und seine Folgen

Japanische Etikette – ein Irrtum und seine Folgen

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An diesem Wochenende habe ich ein Beispiel für Etikette erlebt, wie es besser nicht beschrieben werden könnte. Das ganze begann mit einer Abschiedsfeier für einen Kollegen, der in der vergangenen Woche die Firma verlassen hatte. Er war ein paar Jahre dabei, hat ausgezeichnete Arbeit geleistet und wir waren ihm dementsprechend eine Abschiedsfeier schuldig.
Also ging es am Freitagabend zu einer etwas besseren izakaya (japanisches Kneipenrestaurant). Am Eingang gibt es dort zwei grosse Wandschränke mit Bügeln. Also Jacke aus, rauf auf den Bügel und fertig. Als die Feier zu Ende war, ging es zum Wandschrank – dort hing einiges, aber keine Lederjacke. Nur Jackets. Nanu? Drei mal gesucht, noch mal am Platz nachgesehen – nein, definitiv nicht da. Ein junger Angestellter kommt vorbei, fragt, was los ist, denn um mich herum steht eine Menschentraube – meine mitfühlenden Kollegen. Ich erkläre, was geschehen ist – und er quittiert das mit „Der Wandschrank ist eigentlich nur für grosse Gruppen mit Reservierung“. Ich sage ihm – freundlich – dass das irrelevant sei: Wenn dem so sei, sollte man ein Schild anbringen. Ausserdem ändert das nichts daran, dass eine in Japan doch recht auffällige Lederjacke weg ist.
Mittlerweilen ist auch der Chef des Ladens aufgetaucht, und der ist etwas erfahrener in Sachen Etikette. Er zieht den Kollegen zur Seite und stimmt mir sofort zu: Ja, da hätte wirklich ein Schild sein sollen. Er bietet mir an, sofort den 幹事 (kanji) anzurufen. Wenn sich in Japan Menschen zu irgendeiner Festivität verabreden, wird immer jemand zum kanji bestimmt – der hat die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass alles seine Richtigkeit hat, jeder den Weg findet, die Rechnung bezahlt wird usw. usf.
Seine Gruppe war gross: 35 Leute, ebenfalls Firmenfeier. Also wird der kanji angerufen – der ruft danach Einen nach den Anderen an.
Nun war mir in dem Moment die Jacke weniger wichtig – wichtiger war das Schlüsselbund in der Jacke. Ich sage dem Besitzer, dass ich eine halbe Stunde in der Gegend sein werde und dann nochmal vorbeischaue. Ich gebe ihm Email-Adresse und Telefonnummer. 30 Minuten später: Der kanji hat eine heisse Spur: Einem Untergebenen kam die Jacke eines anderen Untergebenen verdächtig vor. Letzterer ist aber nicht mehr erreichbar. Da ich ja nicht alleine wohne, mache ich mich also auf den Heimweg – ohne Jacke.
Am Wochenende dann eine Email und ein Anruf vom Besitzer: Er fährt am Sonntag die Jacke abholen. Ich sage ihm, dass es bis Montag Zeit habe – vielleicht könnte er sich die Jacke ja dann auch schicken lassen (der Besitzer tat mir wirklich leid).
Sonntag abend wieder eine Email – er bringt die Jacke am nächsten Tag in meine Firma (ich hatte ihm meine Karte hinterlassen). Der Schlüssel sei auch da. Heute abend dann Showdown in der Firma: Der Besitzer kommt, mit Jacke. Und zwei Taschen: In der einen: Eine (ziemlich teure) japanische Süssigkeit. In der anderen: Ziemlich teurer Käsekuchen (ca. 20 Euro). Ersteres: Von ihm. Letzteres von dem Jackendieb. Dazu noch ein dutzend Entschuldigungen (und ein dutzend Entschuldigungen und Beschwichtigungen von mir). Japanische Etikette eben… das weibliche Personal in meiner Firma freute sich jedenfalls über die beiden Taschen.
Das Wort des Tages: お詫び owabi – die Entschuldigung. Es gibt einige Formen der Entschuldigung in Japan – „owabi“ ist eine der höheren Formen (also wenn man sich – zumindest förmlich – „wirklich“ entschuldigt, also wirklich die Verantwortung übernimmt).
Wie jemand seine Anzugjacke mit einer schwarzen, glatten, mindestens 5 mal schwereren Lederjacke verwechselt, ist mir jedoch nachwievor ein Rätsel. Würde mich mal interessieren, wann er es bemerkt hatte und was seine Frau (so vorhanden) dazu gesagt hatte…

tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

8 Kommentare

  1. Wird der jüngere Mitarbeiter eigentlich noch unterrichtet, wie höflich man in Japan als Dienstleister sein sollte oder wird Japan in Zukunft auch unhöflicher werden? Also ist das generell ein Problem, dass neue Mitarbeiter noch nicht ganz mit der Höflichkeit vertraut sind oder ist da ein Generationenwechseln im Anmarsch?

  2. Lies dir nochmal den zweiten Satz durch. Ist wohl ein Ausrutscher mit der Abschiedsfeier und der Abschiedsfirma passiert :)
    (musst du ja wirklich nicht veröffentlichen den Post hier ^_^

  3. Ja, das ist schon toll. Auch ohne irgendwelche Geschenke. Denn woanders waere die Jacke ganz weg gewesen. Auch die eigene Adresse herzugeben, obwohl ja auch noch Schluessel in der Tasche waren, ganz undenkbar im Rest der Welt.

    Allerdings, wie der „Dieb“ die Jacke ueberhaupt verwechseln konnte, sollte doch offensichtlich sein. Nachdem hier IMHO etwa 110% der Kerle ausser Alkohol keine anderen Hobbys kennen…

  4. Da ist BigAl voll zuzustimmen. In jener Welt, in welcher ich mich gewöhnlich aufhalte, wäre ein Wiedersehen der Jacke undenkbar gewesen. Und die Reaktion der meisten Betroffenen hier wäre sicher auch eine andere gewesen. „Etikette? Meinst du das Schild in der Jacke oder den Abdruck in deinem Gesicht den du gleich bekommen wirst?“
    Es erstaunt, dass sich zwei eigentlich nicht für den Vorfall verantwortliche gegenseitig entschuldigen. Prima finde ich übrigens den Käsekuchen. Noch schöner wäre selbstgebacken gewesen, um die Btroffenheit nochmals zu unterstreichen.
    Was ist eigentlich aus dem Bediensteten geworden?

  5. @Stefan
    Das wird schon unterrichtet. Aber die Motivation des Chefs und desjenigen, der da nur für 900 yen oder so pro Stunde arbeitet, spielt auch in Japan mitunter eine Rolle.

    @Terry,
    Selbstgebacken wäre toll :-) Ich weiss nicht, warum man hier noch immer denkt, dass ein Käsekuchen, der ein paar Monate in winzigen, zugeschweissten Tüten haust, gut schmecken soll….

  6. wow das ist echt krass, ich meine bei uns in deutschland wäre die jacke mit schlüssel weg und da du deine adresse ebenfalls ihn überlassen hast, wäre auch noch die bude ausgeräumt gewesen. Die japanischen sitten überraschen mich immer wieder, er hat echt himmel und höhle in bewegung gesetzt .

  7. @tabibito:
    Naja, ob ein von einem männlichen japanischen „Jackendieb“ selbst gebackener Käsekuchen so gut gewesen wäre?

    Beste Grüße
    Mametaro

  8. @tabibito:
    Naja, ob ein von einem männlichen japanischen „Jackendieb“, der nicht einmal sein Jackett von einer Lederjacke unterscheiden kann, selbst gebackener Käsekuchen so gut gewesen wäre?

    Beste Grüße
    Mametaro

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