BlogHeimlich, still und leise... stumme Aushöhlung der Privatsphäre?

Heimlich, still und leise… stumme Aushöhlung der Privatsphäre?

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Es war schon ein dreistes Stück: Vor ein paar Tagen spazierte ein Mann in eine Goldausstellung des Edelkaufhauses Takashimaya an der Nihombashi. Dort wurden verschiedene, aus purem Gold gefertigte (und käuflich zu erwerbende) Objekte ausgestellt – geschützt nur durch eine Plastikglocke. Der Mann hebt, bei hellem Tageslicht und normalem Besucheverkehr, einfach den Plastikschutz hoch und nimmt sich eine aus reinem Gold hergestellte Teeschale. Der Wert: Rund 10 Millionen Yen, also über 60’000 Euro. Das gute Stück wanderte in die Tasche und der Mann verliess geschwind die Ausstellung.

Natürlich gab es in dem Raum Überwachungskameras – sowie Angestellte eines Sicherheitsdienstes. Der Diebstahl wurde also relativ schnell festgestellt und ein Bild des Böslings war sofort zur Hand. Die Nachrichten berichteten am gleichen Tag über den dreisten Coup — gemischt mit Erstaunen über die laxen Sicherheitsvorkehrungen des Kaufhauses. Doch es dauerte nicht lange (weniger als 2 Tage) bis der 32-jährige mutmassliche Täter gefasst wurde. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass im Großraum Tokyo fast 40 Millionen Menschen leben.

Interessant an dem Vorfall war eine kleine Randbemerkung der Nachrichtensprecher – nämlich die, dass der Verdächtige kurze Zeit nach der Tat von einer Überwachungskamera an der U-Bahnstation Kiba (das ist nicht allzu weit vom Kaufhaus) erfasst wurde. Mit diesem einen Satz wurde deutlich, wie weit verbreitet Kameras mit Gesichtserkennung schon sind – und das es darüber keinerlei öffentliche Debatte gab oder gibt. Das ist merkwürdig in einem Land, in dem sich noch immer viele Leute gegen die MyNumber-Karte sträuben – aus Angst davor, dass ihnen der Staat zu sehr in die Karten schaut, und aus berechtigter Angst, dass Daten verschlampt werden. Dabei ist die Benutzung von Kamerasystemen mit Gesichtserkennung im öffentlichen Raum auch nicht ohne, zumal nirgendwo davon die Rede ist, wie lange die Daten gespeichert werden und wer Zugriff auf die Daten hat.

Sucht man auf Google in Japanisch nach Kameraüberwachung mit Gesichtserkennung, muss man erstmal ziemlich weit scrollen, bis man auf einen Artikel stößt, der sich kritisch mit der Einführung dieser Überwachungstechnik auseinandersetzt: Der erste Artikel taucht erst auf Rang 10 auf und befasst sich mit JR East, die im Zusammenhang mit den – zur Erinnerung: besucherlosen – Olympischen Spielen 2021 an 110 Bahnhöfen 5800 Kameras und an weiteren Schwerpunkten (Trafostationen, sonstige Einrichtungen) rund 2000 Kameras mit Gesichtserkennung installierte1. Die Kameras am Bahnhof Kiba, dieser wird von der Tokyo Metro betrieben, muss jedoch ebenfalls über diese Technik verfügen — anders läßt es sich nicht erklären, dass der Täter dort so schnell identifiziert wurde (besagter Bahnhof allein wird tagtäglich von mehr als 50’000 Besuchern frequentiert).

Schön, wenn man mit diesem System Langfinger und Terroristen fäßt. Künstliche Intelligenz kann dazu sicherlich ebenso eine Menge beitragen. Der Gedanke jedoch, dass irgendjemand einen x-beliebigen Menschen hier mal eben so virtuell ganz einfach verfolgen kann — und der Gedanke daran, dass das keinen zu interessieren scheint — ist ziemlich gruslig.

  1. siehe hier
tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

1 Kommentar

  1. Dass er „kurze Zeit nach der Tat … nicht allzu weit vom Kaufhaus…“ erfasst wurde, belegt für mich noch nicht, dass da automatische Gesichtserkennung im Spiel ist. Als Ermittler würde ich zu aller erst versuchen zu rekonstruieren, wo der Dieb hin gegangen ist. Und die folgende halbe Stunde der nächsten zwanzig Überwachungskameras um den Tatort herum kann im Zeitraffer schnell von einem Menschen geprüft werden (wenn man einfach an die Aufzeichnungen der Überwachungskameras ran kommt).

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