BlogG8 auf Hokkaido: Grosser Bahnhof und Terrorangst

G8 auf Hokkaido: Grosser Bahnhof und Terrorangst

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Noch sieben Tage sind es – dann findet der 34. G8-Gipfel statt – und zwar am wunderschönen Tōyako (Toya-See) – jener ist kreisrund, hat einen Durchmesser von ca. 10 km und eine grosse Insel (nebst ein paar Kleineren) genau in der Mitte. Fast wie der See von Bled in Slowenien, nur grösser. Der Toya-ko ist übrigens ein Kratersee – um keine Zweifel aufkommen zu lassen, steht auch direkt daneben der lebhafte Vulkan Usu-zan, gute 700 m hoch, der so in etwa alle 30 Jahre ausbricht. Das letzte Mal war 2000 (nur als Anmerkung für G8-Gegner – denen muss ich leider die Hoffnung auf ein eruptives abruptes Ende des Gipfels nehmen).
Nun ist Hokkaido weit weg von Tokyo, und trotzdem kleben auch in Tokyo und Umgebung überall Plakate, in denen vor verdächtigen Personen und Gegenständen gewarnt wird (z.B.: Sie finden ein Gefäss mit einer verdächtigen Flüssigkeit? Riechen Sie nicht daran! – das Schild hätte ich gern für den Kühlschrank in unserer Firma…).
Auch in Japan pflegt man so eine gewisse Paranoia. In letzter Zeit werden auf Hokkaido willkürlich Leute von der Polizei herausgefischt, die sich dann ausweisen und befragen lassen müssen. Laut einer Ausländergruppe betrifft das wohl fast immer Ausländer und wird deshalb von vielen als Schikane empfunden. Trotzdem wird es – auch wenn es bereits kleine Gegendemonstrationen in Tokyo gab – mit Sicherheit ruhiger werden als in Heiligendamm. Aber das liegt in der Natur der Sache hier.
Dies ist übrigens der dritte G8-(bzw. G7)Gipfel in Japan: Die anderen fanden auf Okinawa und Kyushu statt. Man meidet offensichtlich und aus gutem Grund die Grossstädte – der Verkehr würde dort völlig kollabieren.
Das Wort des Tages: 主要国首脳会議 – shuyōkoku shunō kaigi. „Shuyo“ bedeutet „wichtig, bedeutend“, -koku: das Land, shuno – wortwörtlich „Haupt-Hirn“ – bedeutet „Oberhaupt“ und kaigi ist die Konferenz. Also die Konferenz der Staatsoberhäupter der wichtigsten Länder.

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tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

12 Kommentare

  1. Tatsaechlich geht mir das Sicherheitsdenken der Japaner zum Teil extrem auf die Nerven.

    Ein paar Beispiele: Der Giftgas-Anschlag der Aum-Sekte fand meines Wissens 1995 statt und sorgte dafuer, dass man seit mittlerweile 13 Jahren keine oeffentlichen Muelleimer mehr aufstellt. … also heisst es entweder zum Kombini rennen oder den Muell mit nach Hause nehmen. Ziemlich grosse Auswirkung fuer relativ kleine Ursache, oder?

    Der Amoklauf in Akiba: Die Fussgaengerzone am Wochenende gibt es nun wohl nicht mehr. …

    Auch in Akiba habe ich letztens drei Polizisten gesehen, die einen aelteren Mann auf der Strasse anhielten und seinen Rucksack und auch seine Tasche durchsuchten. Warum? Er sah ein wenig heruntergekommen und schmutzig aus. Das war der einzige Unterschied zu allen anderen.

    Ich fragte mich da: „Duerfen die das?“

    Dann gibt es in den Bahnhen / Bussen eigentlich staendig Poster / Ansagen nach dem Motto „es herrscht erhoehte Alarmstufe, bitte melden sie alles, was irgendwie ungewoehnlich ist der Polizei oder den Bahnbeamten“.

    Paranoia in einem der (dem?) sichersten Staaten der Welt.

  2. Schade eigentlich. Mal abgesehen von den kontraproduktiven Einsätzen des sogenannten „Schwarzen Blockes“ fand ich die Protestaktionen hier in Deutschland zum sogenannten „G8-Gipfel“ sehr bemerkenswert. Insbesondere die Desinformation der bürgerlichen Presse sorgte in der sogenannten „Mitte“ der deutschen Gesellschaft für erhebliches unbehagen. Jene hätten sich lieber umfassend informieren sollen und nicht alles glauben was sie sehen.

    So und das soll es in Japan nicht geben. Gibt es keine äquivalenten Gruppen wie Attac? Ich kann mir nicht vorstellen, das Japan keine Globalisierungskritiker hat. Und wenn ich mir so die Szene in Südkorea anschaue, finde ich es fast Schade, dass jene nicht im Klub der sogenannten G8 sind.

    Vielleicht kannst du mal ein Bild von den Schönen Flaschenwarnhinweisen einstellen.

  3. Wurden die öffentlichen Mülleimer wirklich mit dem Anschlag der Aum-Sekte abgeschaft??? Oder ist das nur eine Legende? Was wollen die Japaner machen, wenn jemand eine Bombe in den Flaschenmülleimer beim Getränkeautomaten wirft? Alle Automaten abschaffen?

    Das so eine Panik geschoben wird, hab ich erst die letzten Monate über dieses Blog erfahren. So frage ich mich nun, ob die Frau, die letztes Jahr auf dem Bahnsteig auf meine große Fahrradtasche gezeigt hat und „nani“ gafragt hat, nur neugierig war, oder dies auf Grund der Terror-Panik geschah. (Notiz: für den nächsten Urlaub Übersetzung für „dies ist eine tödliche Atomwaffe“ raussuchen)

    Die Sache erinnert mich auch an diese Simpsons-Szene:
    Homer: Seitdem wir die Bärenpatrouille haben, hab ich hier noch keinen Bären gesehen!
    Lisa: Du meinst also, hier gibt es keine Bären, weil wir eine Bärenpatrouille haben? Dann müsste ja dieser Stein (hebt einen Stein auf) Löwen fernhalten. Ich hab hier nämlich noch keinen Löwen gesehen!
    Homer: Wieviel willst Du für den Stein?

  4. Wenn ich (Ausländer, Vollbart, Mann) in der U-Bahn meine Tasche öffne, haben seit einigen Tagen etliche Menschen in der U-Bahn Angst. Und natürlich ist der letzte freie Sitzplatz in der Bahn immer der neben mir.
    Die Angst vor Terroristen, geschürt durch die vielen Ansagen und Plakate und Polizisten mit Schlagstock, ist unfaßbar. Und meine U-Bahn-Mitfahrer wissen ja, wie ein Terrorist aussieht: Ausländer, Vollbart, Mann. Deprimierend.

  5. Ich bin heute von Hokkaido nach Tokyo geflogen. Nichts ahnend vorm Flughafen wartend und Tagebuch schreibend wurde ich tatsächlich „befragt“ und musste mich ausweisen. Fand das schon sehr lächerlich. Hab dem Polizisten also ne lustige Geschichte erzählt und gut war. Was das bitte bringen soll, frag ich mich. Hätt mir alles ausdenken können. Gerade das wahllose „Befragen“ der Ausländer wirkt auf mich eher als Beschäftigungsmaßnahme für Polizisten.

  6. @Lori
    Leider hat man auch in Japan begriffen, dass sich Angst sehr gut verkaufen lässt – es spricht nun mal einen Urinstinkt der Menschen an. Und was staatliche Massnahmen angeht – da kommt der typische übertriebene Aktionismus und die japanische Variante des Realsozialismus wieder schön zur Geltung. Da heisst es für Ausländer nur Augen zu und durch. Oder man macht es Debito Arudou gleich („Ausländer“ mit japanischer Staatsbürgerschaft): Siehe
    http://www.debito.org/?p=1767

    @Terry
    Der Grossteil steht Sachen wie der G8 weitestgehend desinteressiert gegenüber. Attac? Aber nicht doch. Nein, Japan kann man, was Demonstrationen anbelangt, kaum mit Südkorea vergleichen. Südkoreaner sind da um einiges energischer (nicht nur bei Demonstrationen).

    @Juergen
    Keine Legende. Sondern wieder Aktionismus. Davon gibt es ja leider so viele Beispiele hier.

    @Thomas
    Mit Vollbart? Herrlich! Da machst Du bestimmt etliches durch hier ;-) Für den freien Platz neben sich in der Bahn braucht man allerdings keinen Vollbart, so viel steht fest.

    @Jane
    So scheint es momentan allen Ausländern auf Hokkaido zu gehen. Klar ist das völlig sinnlos. Na, wenn sich die Polizei und die Bevölkerung durch solche kitschigen Aktionen in Sicherheit wiegt… und dabei vergisst, das alle Terroranschläge in Japan so weit von Japanern selbst ausgeführt wurden…

  7. Das mit den freien Plaetzen neben mir finde ich auch manchmal ziemlich hart. Meine Freundin und ich machen uns manchmal einen Spass daraus … sie kann es manchmal gar nicht glauben.

  8. Ganz ehrlich, wenn es eine Sache in Japan gibt die mich stets aufs äußerste ärgert, dann ist das diese latente Xenophobie der Japaner, die überdies noch vollkommen unbegründet ist!

    Wie schon gesagt wurde sind alle größeren menschlich verursachten Desaster in der letzten Zeit hier ausschließlich von Japanern verübt worden.

    Egal ob da jemand von ner Brücke geschubst wurde, Leute in Akiba abgestochen, oder eben der Giftgasanschlag vor 15 Jahren.

    Erstaunlicher Weise sind sie Deutschen gegenüber meist aufgeschlossener… ich weigere mich aber mit einer Plakette auf der Brust herumzulaufen auf der meine Nationalität vermerkt ist.

    Die Geschichte mit der Polizei hat überall auf der Welt einen Namen: Rassismus. Nur eben in Japan nicht. :(
    Zum Glück habe ich aber selbst hier schon gute Erfahrungen machen dürfen.

  9. Mal eine Frage, was sagt ihr wenn doch etwas passiert. Steht ihr dann gelähmt vor dem TV oder schreibt ihr dann die hätten mehr machen müssen.

    Ich war letzte Woche auf Kundenbesuch in Großraum Tokio (mit einem Lastkraftwagen) die Polizei war massiv vertreten und sie haben die raus gezogen die auffällig waren was ich sah waren alles vom Aussehen her Japaner. Mir als Gaijin am Lenkrad eines LKW wurde keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt und das ob wohl meine Rute direkt an einen Amerikanischen Stützpunk vorbei geführt hat.

    Ich hoffe das nichts passiert, aber wenn doch dann schau ich hier noch mal vor bei nur um eure Kommentare zu lesen!

    bye bye
    e.

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