BlogUngerechter Lohn -- noch immer selbstverständlich

Ungerechter Lohn — noch immer selbstverständlich

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Die Fernsehsendung TBS News Dig beschäftigte sich heute mit der Arbeitssituation körperlicher und geistig behinderter Menschen1 – und fand dabei heraus, dass der durchschnittliche Stundenlohn bei gerade Mal 230 Yen liegt. Zum Vergleich: Der Mindestlohn ist in Japan je nach Region unterschiedlich, bewegt sich aber um die 1’000 Yen – das sind zur Zeit rund 6,20 Euro. Das ist bereits nicht viel (und klingt in Euro umgerechnet natürlich besonders niedrig, da der Yen noch immer sehr schwach ist), doch behinderte Menschen verdienen noch nicht ein Mal ein Viertel davon. Das sind umgerechnet rund 1,40 Euro. In Deutschland sieht es laut diesem Artikel2 nicht besser aus – dort verdienen Behinderte wohl im Schnitt 1,46 Euro oder ein Achtel des gesetzlichen Mindestlohns. Dass die volle Bezahlung behinderter Arbeitnehmer nicht ganz so einfach ist, ist klar — in einem freien Markt funktioniert das einfach nicht. Deshalb gibt es auch in Japan verschiedene gesetzlich geregelte Mechanismen zur Einstellung behinderter Menschen – in großen Unternehmen zum Beispiel eine Quote, aber nur rund 50% der untersuchten Unternehmen erreichen diese auch.

Wo wir gerade beim Thema sind — Frauen verdienten in Japan im Jahr 2023 im Schnitt 75% dessen, was Männer verdienten3 – diese Zahl bezieht sich auf Vollzeitbeschäftigte und reguläre Arbeitszeit – Zulagen und dergleichen sind dabei nicht erfasst. In Deutschland lag der „Pay Gender Gap“ im gleichen Jahr bei rund 18%. Die Ursachen sind ähnicher Natur – es arbeiten mehr Frauen in schlechter bezahlten Berufen (zum Beispiel im Einzelhandel oder in der Pflege) als Männer. 1989 lag dieser Wert übrigens noch bei 60% – es hat sich also zumindest ein bisschen was getan, aber es gibt offensichtlich noch viel zu tun.

Erschreckend beziehungsweise für manche überraschend ist sicherlich das durchschnittliche Bruttomonatsgehalt von Vollzeitbeschäftigten in Japan: Dieses lag 2023 bei 458’000 Yen, also bei umgerechnet 2’370 Euro. In Deutschland waren es rund 4’300 Euro, also fast das Doppelte. Zwar bezahlt man in Japan weniger Steuern und andere Abzüge — im Schnitt werden rund 20% abgezogen, in Deutschland hingegen über 30%, doch selbst bei den Nettoeinkommen liegt Japan dieser Tage weit hinter Deutschland zurück.

  1. siehe hier
  2. siehe hier
  3. siehe unter anderem hier
tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

2 Kommentare

  1. Bist Du Dir sicher beim monatlichen Durchschnittsgehalt? Ich denke der Bruttolohn sollte deutlich höher liegen in DE, eher 4,k Euro. In Japan vermutlich auch. Falls Du vom Nettoeinkommen sprichst, scheint mir der Betrag immer noch leicht zu gering, aber insbesondere das Argument höhere Steuern würde dann wegfallen….

    • Du hast recht… falsche Statistik angesehen! Liegt in Deutschland in der Tat bei über 4K brutto dieser Tage — die Zahlen für Japan stimmen allerdings halbwegs. War aber alles ein bisschen ungenau formuliert. Danke!

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