BlogSterben die Sportzirkel an den Schulen aus?

Sterben die Sportzirkel an den Schulen aus?

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Wer Kinder in Japan großzieht, bekommt es früher oder später mit 部活bukatsu zu tun – den Sportzirkeln an den Schulen. Diese gibt es an Grund-, Mittel- und Oberschulen, wobei diese an den Grundschulen keine so wichtige Rolle spielen. Richtig ernst wird es mit den Bukatsu erst an Mittel- und Oberschulen. Das Wort „bukatsu“ ist die Abkürzung für bu活動katsudō – „Clubaktivitäten“.

Die Idee mit den Sportzirkeln an den Schulen entstand 1880 in Japan. Und zumindest für mich war die Idee nicht fremd — als Dreikäsehoch nahm ich auch an von der Schule organisierten, außerschulischen Aktivitäten teil – AG genannt. Bei mir waren das hauptsächlich Schach und danach Touristik (keine Ahnung, ob dieser Begriff heute eigentlich noch bekannt ist.. er beinhaltete unter anderem Fährtenlesen, Schießen, über Flüsse hangeln und dergleichen…) In Japan treibt man das an manchen Schulen jedoch hin zum Extremen – es gibt Schulen, an denen an 5 oder mehr Tagen pro Woche Clubaktivitäten stattfinden, und es gibt immer wieder Probleme mit übergriffigen Lehrern, Trainern oder „sempai“, also den höheren Schuljahren. Und – es gibt immer mehr Japaner in der Generation Z, die das ganze nicht mehr ohne weiteres mitmachen wollen.

Wirklich Pflicht waren die außerschulischen Aktivitäten eigentlich nie — es war mehr das „peer pressure“, also der Erwartungsdruck des Umfelds, dass die Schüler zu den Sportclubs trieb. Wenn alles etwas machen, macht man halt mit. Zumal jeder, aber auch wirklich jeder in der Familie oder dem Bekannten- und Freundeskreis fragt, für welche Clubaktivität man sich nun entschieden habe.

Wenn die frisch gebackenen Mittelschüler zum ersten Mal zur Schule gehen, gibt es in der Regel erstmal eine Orientierung – die Sportzirkel stellen sich dort vor und erzählen ein bisschen darüber, was gemacht wird. Man wirbt um Mitglieder, denn je mehr Mitglieder man hat, desto mehr Chancen hat man, ein vernünftiges Team zusammen zu bekommen – schließlich gibt es auch Stadt, Präfektur- und Landesausscheide, und jeder will gewinnen. Die Aktivitäten beschränken sich nicht nur auf Sportarten – es gibt an vielen Schulen auch Blasorchesterclubs oder Kunstclubs zum Beispiel.

Die Tradition der Clubs an den Schulen ist jedoch in Gefahr, und das nicht nur, weil immer mehr Schüler entscheiden, lieber zu Hause zu bleiben. Es ist auch die lange anhaltende, sehr niedrige Geburtenrate, die sich mehr und mehr bemerkbar macht – vor allem außerhalb der großen Städte. Nicht wenige japanische Jungs wollen zum Beispiel Baseball oder Fußball spielen, doch oftmals reicht die Zahl der Schüler einfach nicht aus, um eine Mannschaft auf die Beine zu stellen. Und dann wäre da eben auch noch der beliebteste Club der Generation Z – der 帰宅Kitakubu, der „Nach-Hause-gehen-Club“.

Diese beiden Faktoren tragen dazu bei, dass viele Schulen beziehungsweise Clubs nun weniger streng werden. So war es zum Beispiel bis vor einigen Jahren noch üblich, dass man von Mitgliedern des Baseballsclubs erwartete, dass diese sich die Haare abschneiden – maximal ein paar Millimeter waren erlaubt. Das ist heute weit weniger üblich. Außerdem wurde oft bedingsloses Gehorsam eingefordert – Nichtteilnahme konnte Konsequenzen haben, und Bestrafungen waren durchaus üblich. Sprich, in manchen Clubs herrschte ein beinahe schon militärisches Regime. Doch damit kann man heute nicht mehr viele Japaner hinter der Spielkonsole weglocken.

Es sind jedoch weniger die Spielekonsolen, die viele japanische Schüler fernbleiben lassen. Vielen jungen Japanern ist das bunte Treiben in der Gruppe ein Graus, andere wollen sich nicht auf Wettbewerbe einlassen. Und dann wären da auch noch die „juku„, die Nachhilfeschulen, die quasi Lernen rund um die Uhr einfordern. Die Idee mit den Sportzirkeln an den Schulen ist deshalb zwar gut, und die meisten Kinder haben auch Spaß dabei – und die Balance von Körper und Geist wird so auch gefördert, zusammen mit Fähigkeit, in der Gruppe zu arbeiten und Kompromisse zu finden, doch die Dosis ist wichtig — und die schulischen Leistungen natürlich. Dabei sollte man allerdings auch anmerken, dass es, wie in den USA auch, durchaus belohnt wird, wenn man in seinen Sportclubs glänzt — herausragende Schüler können sich nämlich so einen Freifahrtschein an eine gute Universität ergattern, ganz ohne schwere Prüfungen.

tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

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