BlogDie liebe Not mit der öffentlichen Moral

Die liebe Not mit der öffentlichen Moral

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No Dancing-Schild
No Dancing-Schild (Photo von Nicolas1981 on Wikipedia)

Ein Gesetz zu verabschieden ist, zumindest in einer Demokratie, schwer. Ein einmal bestehendes Gesetz zu kippen ist ungleich schwerer. Engländer können ein Lied davon singen – sie hatten den Defence of the Realm Act (DORA) seit 1914 am Hals und wurden so bis in die jüngste Zeit hinein sehr früh aus den Pubs geworfen. Japan hat hingegen ein schönes Gesetz mit dem einprägsamen Namen 風俗営業等の規制及び業務の適正化等に関する法律 – kurz auch als 風営法 fueihō bezeichnet. Auf Englisch wird dieses als Businesses Affecting Public Morals Regulation Law übersetzt. 1948 wurde das Gesetz erstmals verabschiedet: In den Nachkriegsjahren, mit rund 350,000 ausländischen Soldaten im Land, schossen zwielichtige Etablissements wie Pilze aus dem Boden, und Politiker bangten schnell um die öffentliche Moral.
Das oben genannte Gesetz soll nun dafür sorgen, dass die (doppelte) Moral nicht vor die Hunde geht. Und das schliesst leider sehr viele Sachen ein, die an sich eigentlich harmlos sind: Das Tanzen, zum Beispiel. Als ich erstmals in Studentenjahren mit Japanern zu tun hatte, war ich natürlich daran interessiert, was die Studenten so in ihrer nächtlichen Freizeit treiben. Und ich fand schnell heraus, dass Tanzen definitiv nicht dazu gehört. Discos? Fehlanzeige. Tanzclubs oder einfach Studentenclubs zum Beispiel, in denen man, von Alkohol mehr oder weniger beflügelt, zu was auch immer gearteter Musik tanzt? Nichts.
Der Grund dafür ist das Fūeihō: Ein Tanzlokal (aka Disco) muss mindestens 66 m² gross sein, eine fest geregelte Helligkeit aufweisen, vor Mitternacht (in Ausnahmefällen 1 Uhr nachts) schliesen und so weiter und so fort. Es gibt unzählige Einschränkungen, und die Prozedur, eine Lizenz zu erhalten, ist so kompliziert, dass es sich einfach nicht rechnet. Bis 1998 betraf das Gesetz sogar Tanzschulen, für die klipp und klar geregelt war, was geht und was nicht: Beim Tanzen musste zum Beispiel unbedingt ein lizensierter Tanzlehrer zugegen sein. Das wurde erst 1998 gelockert, dank des Filmes Shall We Dance?.
Kurzum – die Beschränkungen durch das Gesetz sind sehr rigide, doch das weckt natürlich die Phantasie der Geschäftsleute, und so bringt die Gesetzeslage immer wieder Dinge hervor, die es wahrscheinlich nirgendwo anders auf der Welt gibt: JK お散歩 – JK Osanpo zum Beispiel. „JK“ steht für „女子高校生“ – Oberstufenschülerin, sanpo ist der Spaziergang. Will heissen, Männer zahlen einen festen Stundensatz, um dann mit einer Oberstufenschülerin spazieren gehen zu dürfen. Würde dies in einem Lokal geschehen, würde sofort das „Fueihō“ greifen, aber so wird die Rechtslage schon komplizierter. JK Osanpo wird dabei jedoch oft (mit Sicherheit zu Recht) als einer der Ursachen für Prostitution Minderjähriger angesehen, denn es scheint meist mehr geboten (gegen Aufpreis, versteht sich) als es den Anschein hat: Dinge, die nach dem Spaziergang geboten werden.
Doch letztendlich kocht man auch in Japan nur mit Wasser: Die Sexindustrie ist prächtig entwickelt, und nicht selten gut von der Unterwelt organisiert, Gesetze hin oder her. Die Striktheit gegenüber dem Tanzen ist jedoch ein Phänomen: Karaoke rund um die Uhr? Selbstverständlich. Alkoholausschank rund um die Uhr? Natürlich. Tanzen? Eventuell sogar noch nach Mitternacht? Sodom und Gomorrha! Na dann: Shall we dance?

tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

4 Kommentare

  1. Kann es sein, dass die Präfekturen dieses Gesetz unterschiedlich auslegen? Ich habe in Fukuoka schon des öfteren bis in den Morgen hinein in einen Tanzclub verbracht. Oder habe diese Clubs womöglich einen Sonderstatus?

    • Ja, die Kommunen haben einen gewissen Handelsspielraum. In Tokyo zum Beispiel ist man besonders streng.
      Heute entschied übrigens ein japanisches Gericht, dass die Regelungen im Fueiho, die das Tanzen betreffen, einen Eingriff in die Freiheit des Einzelnen darstellen und von daher gegen die Verfassung verstossen!

  2. Verstehe ich nicht. Ich kenne keinen Club in Tokyo, der das hat und als regelmäßige Clubgängerin war schon in einigen, wo auch immer bis zum Morgen getanzt wurde (wobei die japanischen Männer ja so gut wie gar nicht tanzen… aber dachte das liegt an Schüchternheit). Als ich japanische Freunde fragte, sowohl aus Tokyo als auch aus Nagoya und Shizuoka, wussten sie davon auch nichts.
    Kann es sein, dass es für die Nichteinhaltung keine Strafe gibt wie bei einigen anderen japanischen Gesetzen? Entweder das oder es wird durch die Regelung eines anderen Gesetzes wieder aufgehoben. Habe nur von Clubs in Okayama gehört die fast nie auf haben und früh schließen, aber das mag andere Gründe haben.

    • Es gibt schon Ausnahmen, aber es ist dermassen schwer, die Genehmigung für einen Club zu bekommen, dass es nur sehr wenige gibt. Natürlich gibt es in Tokyo zum Beispiel eine ganze Reihe Clubs, aber wenn man bedenkt, wie viele Menschen hier insgesamt leben, ist die Clubdichte schon sehr, sehr gering.
      Und wenn man sich mal so umhört, waren die meisten Japaner noch nie in einem Club. Und das ist eben schade.

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