BlogAmok in Akihabara

Amok in Akihabara

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Nichtsahnend schlenderte ich gestern mit Frau und Kind durch Tsukiji und Umgebung, als meine Schwiegermutter uns ganz aufgeregt anrief. „Ihr seid nicht zufällig gerade in Akihabara? Oder auf dem Weg dorthin?“. Sie weiss, dass wir am Wochenende oft unterwegs sind – und ich durchaus eine Affinität zu Elektronikgeschäften habe. „Nein… wir sind gerade in Tsukiji… spazieren“. Sie war beruhigt.
Was sich eine Stunde zuvor ca. 5 km nördlich abgespielt hat, war in der Tat beunruhigend: Ein 25-jähriger aus der Präfektur Shizuoka hatte sich am Morgen einen LKW in Numazu geliehen und war schnurstracks nach Akihabara gefahren – mit der festen Absicht, möglichst viele Leute umzubringen. Er fuhr erst mit dem LKW in eine Menschenmenge (kein Kunststück in Akihabara am Wochenende), sprang dann aus seinem Fahrzeug und stach wahllos auf Passanten ein. Ca. 10 Leute waren es – und sieben haben es nicht überlebt.
(Un)logik eines Amokläufers: Als die Polizei drohte zu schiessen, liess er sein Messer fallen und sich festnehmen.
Nun, diese Vorkommnisse gibt es ja leider überall. In Erfurt, in Virginia… Aber nach Vorkommnissen dieser Art bin ich jedes Mal aufs Neue überzeugt, dass die Todesstrafe hier so schnell nicht abgeschafft werden wird: Auch meine Frau kam schnell auf das Thema zurück und fragte mich – einem entschiedenen Gegner der Todesstrafe – „Der sollte doch aber wohl die Todesstrafe bekommen, oder?“
Amok 2.0: Der Täter hatte übrigens seine Tat auf einer Handy-Forumseite angekündigt. Und live von unterwegs berichtet. Der letzte Eintrag war von 12:10 mittags: „Es ist soweit“. 20 Minuten später begann der Albtraum.
Ach ja, das Motiv: Erschöpft vom Leben. Konnte keine Freunde finden. Der Polizei erklärte er später: 誰でもよかった (dare de mo yokatta) – wörtlich „jeder war mir recht“, sinngemäss: „Mir war’s egal, wen ich treffe“.
Das Wort des Tages: 通り魔 tōrima. Wörtlich „vorbeiziehender Teufel“. Ein „Phantom“. Kann man in diesem Fall auch als Amokläufer übersetzen, aber das Wort wird auch für die Leute benutzt, die nachts und von hinten fremde Leute erstechen. Geschah in den letzten Monaten leider häufiger (soll aber nicht bedeuten, dass Japan in letzter Zeit sehr gefährlich ist – aber Torima sind ein Phänomen, das man so in Europa kaum findet).

tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

8 Kommentare

  1. Diese Geschichte ist wirklich sehr traurig und macht einem wütend (weil hilflos).

    Dafür aber die Todesstrafe zu verlangen halte ich genau so für einen Fehler. Leben ist etwas kostbares und gerade der Staat sollte da als gutes Vorbild voran gehen.

    Was lehrt uns den die Todesstrafe? Nichts anderes, als das unter gewissen Umständen Menschen den Tod verdient haben (und desshalb ist es auch o.k. manchaml die Gesetze selbst in die Hand zu nehmen).

    Uebrigens; die existierende Todesstrafe hat diesen Mann ja auch nicht abgehalten andere Leute umzubringen. Im Gegenteil; er ist sich vermutlich sogar sicher, dass man ihn jetzt UMBRINGEN muss. Vermutlich war er sogar zu feige dies selbst zu tun….

    Die Todesstrafe ist daher nur also Rachemittel tauglich. Ob wir allerdings eine solche Geselschaft sein wollen, ist eine andere Frage. Rache ist meist ein schlechter Ratgeber und löst die Probleme einer Geselschaft nicht (im Gegenteil).

    Cheers

  2. Habe es gestern auf der Website der Japan Times zum ersten Mal gelesen. Auch in deutschen Medien (Online als auch TV, bestimmt auch Print) wurde darüber berichtet.

    Ja, die „geliebte“ Todesstrafe. Früher war ich der Meinung Kinderschänder sollte man umbringen, bis jemand zu mir meinte so ein lebenslanger Gefängnisaufenthalt quält viel mehr. Stimmt. Aber sollte man es mit gleicher Münze (oder gar härter) zurückzahlen?

    Es ist ein schwieriges Thema und dies ausführlich zu erörtern, da reicht ein Blog mit Kommentarfunktion nicht aus, denke ich.

    Hoffen wir, dass so eine Tat so schnell nicht wieder geschieht, egal wo.

  3. Natürlich darf die Todesstrafe in unserer heutigen Gesellschaft keine Art der Bestrafung mehr sein. Alleine schon, dass Unschuldige unter Umständen Opfer der Todesstrafe werden könnten macht sie in meinen Augen unverantwortlich. Auch die Vorstellung dass so eine Macht, über Leben und Tod entscheiden zu dürfen, in die falschen Hände gelangt ist eine wahre Horrorvision.

    Wie gesagt, das alles sind Gründe wesshalb ich die Todesstrafe strikt ablehne…und dennoch erwische ich mich manchmal bei dem Gedanken, dass ich einer bestimmten Person die ich im Fernsehen gesehen habe und die etwas sehr schreckliches getan hat, den Tod wünsche. Auch frage ich mich, was ich tun würde wenn jemand aus meiner Familie oder ein guter Freund umgebracht werden würde. Ich wüsste nicht, ob ich mit dem Gedanken weiterleben könnte, dass der Mörder weiterleben darf und seine Opfer nicht. Naja…wie schon anderer Stelle erwähnt. Das Thema Todesstrafe ist ein sehr schwieriges.

  4. Todesstrafe sinnvoll?
    Tabibito schrieb einen Eintrag über den Amokvorfall in Akihabara. Dort erwähnt er auch, dass wegen solcher Fälle die Todesstrafe in Japan wohl nicht so schnell abgeschafft werde.

    [quote]Aber nach Vorkommnissen …

  5. […] Heute wurde unter anderem der Täter des 下関通り魔事件 (Shimonoseki-Massakers) hingerichtet. Jener raste 1999 mit einem Auto in den Bahnhof von Shimonoseki, überfuhr ein paar Menschen und stach danach mit dem Messer um sich. 5 Menschen starben damals. Der Begriff 通り魔 (tōrima) in dem obigen Wort verdient dabei etwas mehr Beachtung: Wörtlich übersetzt bedeutet das Wort “vorbeiziehender Teufel” und wird für Personen benutzt, die willkürlich umstehenden (soll heissen, ihnen unbekannten) Menschen Schaden zufügen. Vorfälle dieser Art gibt es immer wieder in Japan – vor allem mit Messerstechern, da es kaum Schußwaffen gibt. Siehe auch Tōrima – Amoklauf in Akihabara. […]

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