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120 Jahre altes Kondom und der Kampf gegen das Pflaumengift

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Wie die Firma Morishita Jintan, ein grosser und renommierter Arznei- und Kosmetikhersteller in Osaka, über die Chunichi-Zeitung in der vergangenen Woche bekannt gab, gelangte die Firma jüngst in den Besitz eines rund 120 Jahre alten Präservativs, das da kurz vor der Jahrhundertwende unter dem Namen やまと衣 Yamato-Kinu, wörtlich „Japan-Seide“, verkauft wurde. Der Name ist etwas irreführend, denn es kam gar nicht aus Japan sondern wurde von Morishita Jintan aus Frankreich importiert, und zum Glück für die Träger war es auch nicht aus Seide.

Das gute Stück wurde in einem alten Handelskontor in der Präfektur Ishikawa gefunden, und da der Besitzer damit nichts anfangen konnte, stiftete er es kurzerhand der Firma, die es damals importierte. Etwas verwirrend ist dabei die wahre Herkunft der Verhüterli: In der Werbung aus dem Jahr 1896 wurde der Hersteller mit „ルーデサック“ angegeben, aber das ist eigentlich ein holländischer Begriff, der sich aus den Worten „roede“ („Rute“, „Stange“ — es dürfte klar sein, was in diesem Zusammenhang gemeint ist) und dem germanischen „sack“ zusammensetzt. Der holländische Slangbegriff für Lümmeltüte also.

Laut Anzeige kostete der 5er-Pack damals 15 sen. Damals sah die japanische Währung noch wie folgt aus:

1 Yen = 100 Sen = 1000 Rin (一円 = 百銭 = 千厘)

und der Kaufpreis von einem Yen im Jahr 1897 entsprach in etwa dem von 3,800 Yen in der heutigen Zeit (siehe unter anderem hier). Das würde bedeuten, dass 5 Stück in etwa 570 Yen, also rund 4.50 Euro kosten – und lustigerweise ist das auch heute noch in etwa der Preis, den man für Kondome in Japan berappt.

Zeitungswerbung aus dem Jahr 1896 für die „Japanseide“, die sich „nicht anders als Haut anfühlt“ und „sehr dehnbar, fest anliegend und durchsichtig“ ist

Ebenfalls kennzeichnend ist, dass die Werbung das Produkt nicht etwa in erster Linie als geeignetes Mittel zur Empfängnisverhütung (oder um es prüder auszudrücken, zur Familienplanung) anpreist, sondern als probates Mittel, um sich gegen die Syphilis zu schützen. Die wird – auch hier gilt, ein Schelm ist, wer böses dabei denkt – in Japan als 梅毒 Baidoku, wörtlich „Pflaumengift“ (bzw. -vergiftung) – bezeichnet. Warum das so genannt wird, ist nicht ganz deutlich, aber es gibt zwei Theorien – einerseits vermutet man, dass man den Namen wählte, weil die Exzeme den Früchten der ヤマモモ yamamomo (Pappelpflaume) ähneln. Die andere Theorie besagt, dass „bai“ ursprünglich mit dem Schriftzeichen 黴 geschrieben wurde – das bedeutet „Schimmel(sporen)“. Das wäre schlüssig – die Regenzeit, heute als „Pflaumenregen“ geschrieben“, wurde früher ja auch vermutlich als „Schimmelregen“ (ergo „Regen, der Schimmel verursacht“) beschrieben.

Syphilis war damals in Japan ein ernsthaftes Problem. Es gibt Schätzungen, die davon ausgehen, dass rund die Hälfte der Bevölkerung von Edo mit Syphilis infiziert war und an der einen oder anderen Stufe der Krankheit litt (siehe hier).

Die Werbung von damals zeigt noch eine weitere Parallele zur heutigen Zeit auf: Man nahm ein aus Europa importiertes Produkt, verpackte es ganz auf japanische Art und gab dem Produkt dann auch noch ganz unverhohlen einen Namen, der japanischer nicht sein konnte, ganz so, als ob es eine japanische Erfindung sei. Auch heute noch ist es für viele ausländische Unternehmen unmöglich, ohne lokalen Partner auf dem japanischen Markt Fuß zu fassen. Fast immer steht ein grosser japanischer Markenname davor, daneben oder dahinter, denn nur so lassen sich Erfolge erzielen.

tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

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