BlogZum Glück nicht abergläubisch

Zum Glück nicht abergläubisch

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Übermorgen fliege ich für ein paar Tage in die Staaten (hauptsächlich Denver, aber auch ein Tag Los Angeles). Von Narita, dem internationalen Flughafen von Tokyo.
Quasi als Einstimmung habe ich gestern den Film „20世紀少年“ (engl: 20th Century Boy, eine recht turbulente Mangaverfilmung) gesehen, in dem der andere Flughafen Tokyos mal so eben in die Luft gesprengt wird.
Und heute morgen fiel in Narita eine Maschine vom Himmel – eine 747 des Paketzustellers Fedex. Grund: Starker Wind. Ergebnis: Das Flugzeug lag auf dem Rücken und verbrannte fast vollständig – zwei (alle?) Besatzungsmitglieder haben es nicht überlebt (Nachrichten hier), dutzende Flüge wurden gestrichen oder, so unterwegs, nach Haneda umgeleitet.
Aber ich bin ja nicht abergläubisch. Statistisch gesehen sind Flughäfen kurz nach einem Absturz am sichersten…
Das Wort des Tages: 迷信 meishin – „verirren – Glauben“. Der Aberglaube. In Ostasien sehr verbreitet.

tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

18 Kommentare

  1. In Narita war es eine MD-11 McDonnell Douglas MD-11 – Wikipedia Von dem Typ sind in den letzten 12 Jahren alleine 6 Maschinen verunglückt, davon alleine 3 FedEx Maschinen. Für die Statistik muss man nicht mal Aberglauben heißen! Um zusagen in so eine Maschine steigt ich nicht ein!

  2. @Alex: Am unsichersten ist Autofahren …, und Fliegen bleibt, bezogen auf Tote/km, am sichersten.

    @blueschi73: Diese Maschinen lassen sich relativ leicht umgehen – der erwähnte Wikipedia-Artikel teilt mit: „Zivile Maschinen im Passagierverkehr fliegen zur Zeit nur noch bei TAM, Finnair, KLM und World Airways.“ Und immerhin gab es bis zum Crash in Narita über 9 Jahre lang keinen Totalverlust.

  3. So wie in den News beschrieben, handelte es sich um „Windshear“, genauer um einen Microburst (ein Downburst auf kleiner Fläche). Sowas wie ein kleiner unsichtbarer Tornado, der aber einen Luftstrahl nach unten drückt, gefolgt von einem starken Rückenwind, und das mitten auf der Landebahn. http://electronicdesign.com/Files/29/8013/Figure_01.jpg
    http://media-2.web.britannica.com/eb-media/33/24033-004-793F33F4.gif

    Das hätte wohl jedes Flugzeug auseinandergenommen, auch ein Space Shuttle. Scheinbar dauern Microbursts nur wenige Sekunden, können aber ganze Bäume umknicken. http://top2bottom.net/Microburst%20Quincy,%20CA-4.jpg

    Flughäfen und Flugzeuge haben Warnsysteme die mit Laser, Mikrowellen oder Infrarot Windshears detektieren. Kam in diesem Fall wohl zu überraschend. Mein Beileid an die Angehörigen.
    Entdeckt und beschrieben von „Mr. Tornado“ Tetsuya Theodore Fujita.

  4. IMHO hatten die noch genug Zeit den TOGA zu drücken. Naja, in spätestens einem Jahr kommt sicher der FAA-Bericht… Bis dahin sind alles nur Mutmassungen.

    Zumindest hat Narita kein Lasersystem für Luftwirbelwarnung. Alles relativ alt dort.

  5. Also für mich sieht es nicht aus, als wäre da noch wirklich Zeit geblieben zu realisieren was passiert. Andererseits war bekannt dass es an diesem Morgen trotz klaren Wetters und schwacher Winde einen Windshear gab. Ein vorher gelandetes Flugzeug hatte das bereits gemeldet und der Flughafen gab eine Warnung heraus, auch an den FedEx-Flieger. Aber man wird sehen was der Abschlussbericht sagt.

    Narita hat ein Dopplerradar und ein WindTracer Doppler Lidar System (Laser). Auch Haneda hat beide Systeme zur Warnung von Scherwinden.

  6. @Frank (und alle)
    Sorry für den Patzer mit dem Flugzeugtyp und danke für die Korrektur. Die erste Eilmeldung sagte „747“ und das blieb leider hängen…

    @ディーン
    Das wundert mich… an dem Tag war es in der Kanto-Region sehr, sehr stürmisch (aber in der Tat klar). So ziemlich alle Überlandzüge der Region fuhren vormittags entweder gar nicht oder mit erheblicher Verspätung.

    Wenn ich mir die Kommentare so durchlese, befinden sich unter den Lesern einige fachkundige Piloten… oder Flight Simulator Geeks!?

  7. Ups, da hab ich geschluddert…danke für den Hinweis.
    Hatte beim Schreiben die Situation bei der Landebahn im Kopf, wo es zwar Turbulenzen gab, der Richtwert aber nicht überschritten wurde (deshalb „schwache Winde“).
    Dass es in der Kanto Region SEHR böig war sieht man ja eindrücklich im Video der FNN News.

    Jedenfalls guten Flug, Herr Reisender!

  8. @Dean: Meines Wissens nach besitzt bisher nur Haneda ein Lidar von Lockheed Martin seit 2006. Grund für Verzögerungen war die Übersetzung der GUI ins Japanische. Wobei ich alleine das schon für kurios halte. In der Luftfahrt sollte wirklich alles Englisch bleiben.
    Das japanweit erst zweite Lidar für Narita ist seit Ende letzten Jahres geplant. Daß es schon in Betrieb ist würde mich stark wundern.

    Michael meinte, daß er auf einem Video bereits einen kompletten Flare und Touchdown mit dem Hauptfahrwerk gesehen hätte. Wenn das wirklich so ist, könnte ich mir folgendes Szenario denken:
    – Flare, Hauptfahrwerk berührt Boden.
    – Autobrakes sind gerade eben noch nicht aktiv, weil nicht genug Achslast
    – Die Piloten fangen bereits an zu drücken und die Fussbremsen zu treten. Ich kenne die Jungs, die wollen immer ne Ausfahrt früher um nicht stundenlang auf dem Tamack Taxi fahren zu müssen. Und die MD-11 ist schön lang, da hat man eh nen guten Hebel.
    – Windböe kommt und schmeisst die Kiste im Ground Eddect wieder ein Paar Meter hoch.
    – Die Piloten sind vollkommen überrascht und immer noch am Drücken. Deswegen weder TOGA noch eine andere Reaktion.
    – Die Nase kommt runter, den Rest kennt ihr.

    Sowas passiert mit der A300 nach Akita nicht, die haut die Spoiler schon 10 Fuss über Grund raus :D
    Jedesmal wieder lustig.

    @tabibito: Ganz locker. Ich hoffe du kriegst ne 777. Ist derzeit das IMHO beste und schönste Flugzeug.

  9. @tabibito…
    Geek mit 25 Flugstunden auf Segler, ein- und zweimotorigen Maschinen, 2h Phantom Simulator und ca. 5000 auf einer F16 (Computer hüstel hüstel) :)
    Bzgl des TOGA… wenn die MD 11 Triebwerke zu langsam sind beim hochthrotteln oder der Knopf spät/im falschen Moment gedrückt wird, dann kann das Böse ausgehen und sogar noch den Crash beschleunigen wenn man in dem Fall die Nase ev. gerade nach unten gerichtet hat (sei es gedrückt oder gebounced).

    Naja wir können eh nur rumraten es gibt nur 3 Stellen die ev. wirklich wissen was passierte ist, Pilot, Copilot und die FAA in einem Jahr. :-/

    Trotzdem ist Fliegen immer noch statistisch sicher.

  10. Na ihr seid mir ja ganz übel Angefressene…muss wohl an der vielen Höhenluft liegen ;-)
    Lockheed Martin hatte auf beiden Flughäfen ein Lidar installiert, in Betrieb genommen auf Haneda im April 2007, auf Narita im April 2008.
    Die Pressemeldung von Lockheed Martin hört sich auch ganz toll an: http://www.lockheedmartin.com/news/press_releases/2008/3_11_ss_windtracer.html

    Firmeneigenen Pressemeldungen ist eh nicht zu trauen, die tönen immer zu gut und zu glatt (Aktienkurs wachse, おおきくなれ〜!).

    Meine Quellen betr. Lidar sind hier, 2. Abschnitt: http://www.tokyo-np.co.jp/article/national/news/CK2009032402000219.html

    Sowie die „Meteorological Society of Japan“ (was für ne olle Benamsung), welche zum „National Institute of Informatics“ gehört (ich krieg gleich den Koller @_@), siehe unter Punkt 5: http://wwwsoc.nii.ac.jp/msj/LINK/kouku/aviation3.htm

    Narita ist wegen der speziellen Topographie häufig starken Südwestwinden ausgesetzt (Punkt 6).

    Laut dem Kansai Mailmagazin Feb. 09 ist auch in Kansai ein Lidar in Planung:
    http://www.kansai-airport. or.jp/mailmagazine/backno/vol50.html

    Die NASA hatte ja lange an Windshear rumgeforscht. Fies bei Microbursts ist scheinbar, dass vor dem Eintreten headwind den Flieger urplötzlich beschleunigt und anhebt, wenn die Piloten dann Speed runternehmen ist’s geschehen. Es folgt der downdraft von oben, und beim Austreten ein tailwind(!). Eh schon reduziert im Speed wegen der Landung, sind Geschwindigkeit und Höhe plötzlich weg. Und laut NASA braucht’s mind. 10 Sekunden Vorwarnung um so einem Szenario entkommen zu können.

    Beim Video stöbern stolperte ich auch über den Incident bei Hanamaki April 1993 (wollte es Tabibito eigentlich vorenthalten). Windshear hätte fast zur Katastrophe geführt: http://www.youtube.com/watch?v=pRLgK6mEgi0

    Und dann denkt man gleich an Japan Airlines Flug 123, der bisher schlimmste Einzelflugunfall (1985). Die unsteuerbare Maschine flog eine halbe Stunde ziellos umher, viele Passagiere hatten in dieser Zeit Abschiedsbriefe geschrieben (o_O). Es geistert im Netz auch ein Video mit den Audioaufnahmen der letzten Minuten im Cockpit umher, das fährt einem ziemlich unter die Haut und ist nicht jedermann’s Sache…(nein ich poste den Link nicht, ihr findet es ja sowieso).
    Am sichersten ist wohl zu Fuss zu gehen, da passiert unterwegs höchstens dass einem ein Hund ans Bein pinkelt oder im schlimmsten Fall in den Hintern beisst…

  11. @Alex
    Ja das Szenario könnte es sein, aber wie gesagt alles wilde Spekulationen von uns.
    In Frankreich habe ich mal einen Anflug in einer 727 miterlebt der war so Steil das ich die Alarmglocke aus der offenen (prä9/11) Cockpittür hörte.
    Meine Kollegin fragte mich „Was ist das?“ und ich sagte „Das ist das was du auf dem Voice Recorder immer hörst Bimmel Bimmel PULL UP PULL UP…. CRASH!“
    Sie hat 3 Tage nicht mit mir gesprochen!
    Die Jungs von AirFrance haben das Ding aber echt auf den Boden geschmissen und so stark gebremst das alle Passagiere ein Klappmesser nach vorne machten.
    Dann gings links ab in Formel 1 Manier und ab ans Gate.
    Wird nur noch übertroffen durch eine „Flugzeugträgerlandung“ mit einer K7.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Schleicher_K_7

  12. Naja, eine Landung muss schon sitzen, damit eben genau sowas nicht passiert. Der groesste Feind der Landung ist der stabile Flugzustand :D. Deswegen ja meine Faszination fuer die methode des A300, die halt leider nur zu gefaehrlich ist, weil der Deploy auch im Flug stattfinden koennte.
    Ihr muesst euch mal die Ventilanlagen fuer die Schubumkehr ansehen, die nach dem LaudaAir Unfall entwickelt wurden. Hammer…

    Alarmglocke? Nicht eher ein Wuit wuit – Retard? Beim Ueberziehen kommen eigentlich die Stickshaker.
    Hupe nur bei den kleinen. Die werden dann direkt mit einem Gummischlauch von der abloesenden Luftstroemung betrieben :D:D:D.

  13. Wuit Wuit das falsche Signal ;-)
    (Es gab 1979 einen Unfall mit einer 727 weil die sowohl für Descent rate als auch GPWS dasselbe Signal hatten… pöse!)
    http://www.ntsb.gov/Recs/letters/1979/A79_27_30.pdf

    Die Glocke kommt wenn die Sinkgeschwindigkeit einen Grenzwert übersteigt.
    Stickshaker ist für die Stallwarnung. (http://en.wikipedia.org/wiki/Stick_shaker)
    Whooper ist (GPWS-Ground proximity warning system)

    Also korrekt geht der Sound so:
    Glocke (Descent rate high/Sinkgeschwindigkeit zu hoch)
    [ignorieren]
    Whooper
    „PULL UP! PULL UP!“
    whooper
    (Proximity alarm/Annäherungsalarm)
    [mit kleiner freundlicher Aufforderung was Weise wäre zu tun ;) ]
    Der Proximity Alarm ist deaktiviert wenn das Fahrwerk draußen ist und die Maschine korrekt konfiguriert… warum wohl? ;)

  14. Das sind ganz bestimmt die Folgen der Höhenluft. Ihr seid ja voll am abheben, euch wachsen noch Segelflügelohren am Kopf! Hättet ihr noch Freude dran, was? ;-D

    Wenn einer News oder irgendwann den FAA-Bericht zu lesen kriegt, bitte melden! (dann wird die Tabibito DB flott wachsen)

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