BlogVorbildliche Meinungsfreiheit?

Vorbildliche Meinungsfreiheit?

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Gestern war ich zufällig mal wieder auf der offiziellen Seite der Korean Central News Agency – das ist die öffentliche Pressestelle der Demokratischen Volksrepublik Korea, sprich Nordkorea. Es ist immer ganz interessant, zu lesen, was Nordkorea zu all den Dingen sagt. Parallelen zur „Neuen Deutschland“ sind dabei ganz gewiss nicht zufällig. Dieses Mal habe ich mir die Seite (ist nicht viel) einmal genauer angesehen und bin dem Link zur Korea News Service Stock Photos (株)朝鮮通信社 gefolgt – das ist eine in Japan registrierte, nordkoreanahe Aktiengesellschaft. Die gibt unter anderem die Monatszeitschrift 月間論調 (Gekkan Ronchō) heraus – gekkan bedeutet Monatlich, Ronchō „Argumentationsweise, Beweisführung“. Klingt ein bisschen holprig, aber die Übersetzung trifft es ganz gut.
Nun kostet die Zeitschrift etwas (10,000 Yen pro Jahr), aber man kann online zumindest das Inhaltsverzeichnis einsehen, und das fand ich schon… nun ja, witzig: Ganz unten gibt es drei Sparten: 対南 (Anti-Süd(korea)), 対米 (Antiamerikanisch) und 対日 (antijapanisch), jeweils gefolgt von einer Auflistung von Aufsätzen. In letzterem Fall waren es im Januar:
„ianfu“ hanzai no sekinin kaihi suru nihon
「慰安婦」犯罪の責任回避する日本
(Wie Japan sich der Verantwortung gegenüber dem Verbrechen an den Trostfrauen entzieht)
sowie
nihon wa hikaku kokka dewa nai
日本は「非核国家」ではない
(Japan ist kein Antikernwaffenstaat)
– beides Artikel, die im Januar in den nordkoreanischen Medien zu finden waren. Wie es die Sache so will, ist an beiden Aussagen (die Artikel kann man leider nicht einsehen) zumindest etwas dran. Ach ja: Die Zeitschrift ist komplett auf Japanisch.
Ich fand es immerhin beachtlich, diese Zeilen auf einer japanischen Webseite einer in Japan registrierten Firma zu lesen – mit klarer Affinität zu Nordkorea, einem Land, das Japan seit etlichen Jahren vollends boykottiert. Wahrscheinlich denken sich die japanischen Verantwortlichen im Sicherheitsdienst wohl „Lieber gewähren lassen, dann wissen wir wenigstens, was los ist“, aber da kann man nur mutmassen. Fakt ist allerdings, dass die japanische Regierung seit Jahren schrittweise versucht, Nordkorea-nahen Firmen und Organisationen das Leben zu erschweren.

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tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

7 Kommentare

  1. naja, so weit ich weiß ist der großteil der in japan ansässigen koreaner pro-nordkoreanisch, die haben da ihre finger mit im spiel. in tokio gibt es auch so weit ich weiß eine nord-koreanische universität, war da nicht was?

    ich erinnere mich noch sehr gut, dass ich in korea town in der nähe von shinjuku mehr als einmal den nordkoreanischen akzent herausfischen konnte…

  2. Eigentlich Wahnsinn das die Japaner solch eine Gesellschaft in ihrem Land zulassen, sind sie doch sonst nicht so offen…

    Am 13.3. beginnt endlich mein Sprachkurs am Kulturinstitut in Köln, hoffe dann kann ich die Zeitschrift auch mal lesen!
    lg

  3. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das aufgrund der Meinungsfreiheit passiert. Es gibt doch keinen Staat, der gerne andere Ideologien entstehen lässt, auch wenn ich es finde, sich die Welt auch mal aus Sicht der anderen Seite anzusehen.

  4. @ Pikku
    Nun es ist nicht so das die Koreaner freiwillig in Japan sind. Es wurden Hunderttausende von Koreaner während der Besatzungszeit nach Japan verschleppt. Längst nicht alle sind nach Kriegsende zurückgekehrt. Das erstaunliche ist das es immer noch Koreaner in Japan gibt die auch nach so vielen Jahrzehnten die japanische Staatsbürgerschaft nicht haben, bzw. erhalten haben.
    Die Vergangenheit wirft da lange Schatten bis in die Gegenwart.

  5. Erstaunlich das sich welche in Japan als „Pro-NK“ definieren. Die genießen mit ihrer Zeitung eine Meinungsfreiheit die in Nordkorea undenkbar ist und können nichts weiter als alle anderen nur über „Anti-“ zu pauschalisieren. Aber angesichts diverser geistloser linker Strömungen hier in D. sollte einen auch nichts mehr wundern …

  6. „Die Freiheit der Meinung setzt voraus, das man überhaupt eine hat“ (Heinrich Heine). Offensichtlich gibt es doch ein größeres Meinungsspektrum in Japan als allgemein angenommen. Im Wesentlichen erfährt man hier in der BRD mehr etwas von patriotischen bis nationalistischen Ansichten von Japanern.
    In deinem Blog konnte man bereits erfahren, dass durchaus auch synikalistische Tendenzen in Japan gibt. Zumindest im Ansatz.

    Wenn man sich nicht von der bürgerlichen Meinungsmache einlullen lassen will, ist ein Blick in die eine oder andere Richtung unbedingt von Vorteil. Gibt es denn keine japanischen Zeitungen (Autoren, Herausgeber), die sich kritisch mit der japanischen Geschichte auseinandersetzen? Die Titel der Artikel können durchaus auch von einem Japaner stammen. Zumindest erscheinen sie nicht offensichtlich antijapanisch, wie vielleicht der Tabellenkopf suggeriert. Derartige kritische Auseinandersetzungen mit der Politik des eigenen Landes kennt man ja schließlich aus der EU und USA auch.

    Und: solange es sich um eine wahrscheinlich bedeutungslose Minderheit handelt, welch aller voraussicht nach keinen großen Rückhalt in Japan hat, kann sich die japanische Regierung auch nzurücklehnen und das ganze amüsiert beobachten. Aber vorsicht: Big brother is watching you, Tabibito! ;-))

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