BlogSpiessrutenlauf am Morgen

Spiessrutenlauf am Morgen

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Fussgängerbrücke in Maihama

 

Seit einigen Monaten schon erlebe ich allmorgendlich das gleiche, amüsante Schauspiel: Aktionismus in Reinform. Worum geht es? Vor meinem Bahnhof gibt es eine lange, an den meisten Stellen sehr breite Fussgängerbrücke, die dort eine grosse Kreuzung über- und die Autobahn unterquert. Ein recht kompliziertes Gebilde mit drei Rampen: Die oben im Bild (der rote Faden ist mein Weg) führt nach beiden Seiten hin von der Brücke her abwärts und wird von Fussgängern und Radfahrern gleichermassen genutzt.
Eine Rampe vor dem Bahnhof endet in Treppen zum Bahnhofseingang, eine andere in U-Form abwärts – die ist für Radfahrer. Nun muss vor ein paar Monaten irgendein Pfiffikus in der Stadtverwaltung entschieden haben, dass es vielleicht besser wäre, Radfahrer absteigen zu lassen – oder zumindest jene zu bitten, abzusteigen. Dass sich für Radfahrer, und das sind die meisten, der meist ohnehin schon lange Weg zur Arbeit gleich noch mal um 10 Minuten verlängert, ist ja egal.
Nun zur Durchführung des teuflischen Plans: Unten (oben rechts im Bild) steht ohnehin schon seit einiger Zeit eine Barriere, bei der Radfahrer abbremsen müssen, und eine fesche Lampe mit Rundumkamera oben drin. An der Auffahrt steht dann Rentner #1, und sagt freundlich, man solle doch vorsichtig sein. Ist man oben angelangt, steht dort ein CD-Player, der einschläfernde Musik und subliminare Botschaften abspielt: „Lass uns doch das Fahrrad über die Brücke schieben. Lass uns aufeinander Rücksicht nehmen“ usw. Man biegt auf die Brücke ein nach links, und schon steht CD-Player Nummer 2 dort. Die CD ist die gleiche.
Man fährt weiter, unter der Autobahn hindurch, und nähert sich der Rampe linkerhand. Dort die geballte Ladung: Rentner #2 sowie eine junge Polizistin (strafversetzt? Praktikum?). Letztere säuselt leise „Bitte vorsichtig fahren!“. Es geht die Rampe hinab, und auf der Hälfte, in der Haarnadelkurve, muss man aufpassen, nicht CD-Player Nummer 3 zu überfahren. 180-Grad-Wendung, und weiter unten steht Rentner #3: Bei nassen Untergrund ruft er schon von weitem zu: „Achtung, hier ist es rutschig!“. Recht hat er – ungebremst bei Regen in die 90-Grad-Kurve zu gehen ist… mutig, gelinde gesagt.
Ach ja, abends, wenn die ganzen Kaputten mit ihren bröckeligen Fahrrädern die gesamte Brücke ausmessen, weil sie nebenher mit ihren Handys Emails schreiben, Tetris spielen oder Fernsehen schauen, ist niemand da: Kein Rentner, kein CD-Player, keine Polizistin.
Einerseits bin ich natürlich froh, dass man nicht kurzerhand das Fahrradfahren dort verbietet. Andererseits – für psychisch labilere Zeitgenossen mit leichtem Hang zur Paranoia wäre diese Route sicher nicht zu empfehlen.

tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

8 Kommentare

  1. Köstlich! Schon lange nicht mehr so gelacht, vor allem angesichts zumindest annähernd vergleichbarer, selbst erlebter Situationen dieser Art…

  2. Sehr gut geschrieben und mal ein Wink mit dem Pfahl wie man die Rente aufbessern kann. Polizistin, das riecht ja schon nach nicht Anerkennung der Frauen Rolle in der Polizei (Kleiner Spass!!!).

  3. Wie zum Beispiel heute, ein hoch auf die Ringbahn, aus 30Minuten wurden fast 2 Stunden fahrt… macht spaß und glücklich!

    Zum Thema. Ich finde Repressalien gegen Radfahrer immer gut. ;) Braucen immer zuviel Platz und sind der Meinug ihr Fahrrd noch mit Recht in eine völlig überfüllte Bahn zu schieben, zumindest in Berlin… so geung gejammert ;P

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