BlogSpaß im japanischen Schilderwald

Spaß im japanischen Schilderwald

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Tja, was das nun wohl bedeuten mag!?

Als stolzer Nichtbesitzer eines Führerscheins kehre ich mich eigentlich nicht so viel um Strassenverkehrsschilder. Natürlich kenne ich 98%, da ich ja viel mit dem Fahrrad unterwegs bin, aber die Hausaufgabe meiner Tochter lautete letzten Freitag, Verkehrszeichen zu fotografieren und ein besonders Interessantes auszuwählen und zu beschreiben. Also ging es auf Fotosafari, und wie es nun mal so ist, schaut man mit gezieltem Auftrag gleich viel aufmerksamer auf Dinge, die man sonst eher links liegen lässt. Etwas Neues kam nicht ans Licht — aber es bestätigte das, was ich schon von Anfang an mit Erstaunen in Japan beobachtete: Sehr viele japanische Verkehrsschilder setzen voraus, dass man Japanisch kann. Beziehungsweise, um genauer zu sein, Schriftzeichen lesen kann. Wer das nicht kann, hat einfach mal ein bisschen Pech gehabt. Besonders häufig und wichtig sind dabei die Wörter 徐行 jokō (Geschwindigkeit drosseln) und 止まれ Tomare (Stop), wobei diese beiden Wörter nicht nur auf Verkehrszeichen stehen, sondern auch riesengross auf Strassen gepinselt werden. Das wäre eine Erkenntnis. Das in Japan Linksverkehr herrscht, ist natürlich auch eine wichtige Erkenntnis, aber die gewinnt man als Japanbesucher natürlich innerhalb weniger Stunden – spätestens wenn man fast überfahren wird, weil man doch mal nicht nach links und rechts geschaut hat und entsprechend kein Auto von rechts erwartete. Die dritte Erkenntnis ist eigentlich die, die mich am meisten überraschte: In Japan gibt es keine Haupt- und Nebenstrassenschilder. Das wird heutzutage durch Ampeln geregelt oder eben durch ein gross auf die Strasse gepinseltes Tomare. Öfter fehlt jedoch beides, und in dem Fall scheint man in Japan einfach nach dem Motto zu gehen „Was breiter ist, ist Hauptstrasse“. Aber vielleicht mache ich ja doch irgendwann mal den Führerschein (bin nicht ganz abgeneigt, auch wenn es an Zeit mangelt) und dann werde ich ganz bestimmt schlauer. Obwohl: Japaner sind Weltmeister im Überfahren roter Ampeln, da es nur geahndet wird, wenn die Polizei direkt daneben steht. Erst vor zwei Wochen hat mein Schwager einen Lieferdienst-Mopedfahrer umgefahren, der bei tiefrot und Karacho über die Kreuzung bretterte. Ich war nach einer Minute und damit noch vor dem Krankenwagen am Unfallort, und es sah recht übel aus. Gottseidank stellte sich letztendlich alles als halb so wild heraus, aber meine Theorie steht: Es gibt nur deswegen so wenige tödliche Unfälle in Japan, weil man nirgendwo, zumindest in den Städten, nicht richtig Gas geben kann, da überall viel Verkehr ist.

tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

13 Kommentare

  1. Wie scharf sind eigentlich japanische Großstadtteenies auf den Führerschein? In Deutschland stellt man sich gerade darauf ein, dass die Jugend nicht mehr so vernarrt in ein Auto ist wie es die Vorgängergenerationen noch waren. In den Großstädten haben viele kein eigenes Auto und man versucht das Carsharing-Konzept zu etablieren.
    Ich selbst habe ebenfalls meinen Führerschein erst mit 27 gemacht. Weniger aus Bedarf als durch den Gedanken getrieben, dass es vielleicht doch mal Zeit wird. Seit ich nun die Erlaubnis habe bin ich ein einziges Mal Auto gefahren.

    • Ist dem wirklich so? Das wundert mich ein wenig. Aber ich vermute mal, es ist einfach eine Frage, welche Jugendlichen man sich anschaut.
      In der etwas ländlicheren Region mit mäßig ausgebautem S-Bahn-Netz, in der ich wohne, sind die Jugendlichen schon sehr scharf auf den FS, da er Freiheit heißt. Ein eigenes Auto ist aber für viele erst mal Luxus. Außer sie arbeiten bei Daimler.
      Dazu ist der FS heute verglichen mit den Preisen zu meiner Zeit damals ja fast schon kriminell teuer. Ich habe ihn übrigens 1990 gemacht.
      Was ich gehört habe soll es in Japan ähnlich sein.
      Achja und in Großsstädten wie Tokyo muß man einen Parkplatz nachweisen, um ein Auto fest zulassen zu können. Der Platz ist also wohl eher ein Problem als der Preis.

      • Den Parkplatz muss man, soweit ich weiß, überall nachweisen, nicht nur in Tokio. In Japan kann man ja fast gar nicht am Straßenrand parken.
        Autos sind immer noch sehr wichtig, in Deutschland wie auch in Japan, sofern man nur ein bisschen außerhalb der Innenstadt wohnt. Wobei ich in Japan tatsächlich eher viele Leute ohne Führerschein gesehen habe. Klappt da etwas besser, aber überschätzen würde ich den Komfort auch nicht.

    • Das dürfte beinahe wie in Europa sein. Je weiter man sich vom Stadtzentrum entfernt, desto grösser der Wunsch bzw. die Notwendigkeit, ein eigenes Auto zu haben. Car-Sharing wird hier auch langsam beliebter.

  2. In Deutschland setzt man bei den Schildern mit Bedingung auch voraus, daß man das Alphabet beherrscht und Deutsch kann. In Holland analog. Und in England… Un in… Das ist nun wirklich keine Besonderheit.
    Das Überfahren roter Ampeln hat eher was mit Bildung zu tun und nicht mit grundsätzlichem Verhalten in Japan. Das behaupte ich jetzt mal als jemand der schon gut 20000 km dort gefahren ist (und zwar deutlich sicherer als hier in Europa).
    Es sind genau die, die du erwähnst: Lieferdienstfahrer. Und die Bosos. Das war’s. Hier sind es die Osteuropäischen Hilfsarbeiter.
    Japan und Deutschland sind sich also gar nicht so unähnlich.

  3. Meinen Führerschein habe ich erst mit 33 gemacht, hatte dazu keinen Bedarf. Eigentlich habe ich die ersten Versuche in Österreich gemacht 2008 und kenne die Besonderheiten -sprich Unterschiede in Verkehrsregeln in Österreich, Tschechien und Deutschland.
    Zwar hat man als EU-Bürger das Recht mit EU-Führerschein in Japan ein PKW zu lenken ohne einen einheimischen zu machen, würde ich mich ohne Trainingsfahrten auf die Straße in einer japanischen Großstadt nicht trauen. Von wegen auch bei so vielen Verbindungen nach überall und sogar bei dem Gedränge ist wäre mir ein Zug lieber als ein PKW und die Staus.

  4. frage aus der nicht-japanisch-sprecher-ecke:
    was bedeutet denn das gezeigte schild? :)
    was in richtung „rechts abbiegen verboten“?

    • das würde mich jetzt auch interessieren. Mit einem Gentsuki (also sowas Moped-artigem) darf man hier offenbar nicht geradeaus und dann rechts fahren? Sinn erschließt sich mir nicht; tabibito to the rescue…

      • Also ich kenne das Verfahren aus Taiwan, das die wohl von Japan übernommen haben:
        Ein Roller darf, wenn er links abbiegen will, nicht in der Mitte der Kreuzung warten bis der Gegenverkehr vorbeigefahren ist (also so, wie es ein Auto machen würde). Stattdessen muss er rechts abbiegen, und dort dann eine Wende machen, so dass er dann wieder an der Kreuzung steht. Anschließend kann er geradeaus über die Kreuzung fahren.
        In Japan wäre das natürlich dann umgekehrt, also bei Rechtsabbiegen.
        Ob das wirklich das gleiche Schild ist, weiß ich jetzt aber nicht, bin in Japan noch kein Roller gefahren :D Auch meine Taiwanerfahrungen sind schon etwas länger her.

      • Genau. Mopeds dürfen nicht erst geradeaus und dann rechts fahren, sondern müssen sich in die Rechtsabbiegerspur einfädeln und mit dem Rest des Verkehrs quer über die Kreuzung fahren.

  5. Wow, interessanter Beitrag. Ich hätte sehr Respekt davor, in Japan am Verkehr teilzunehmen. Gerade solche Signalisationen wie ein Verkehrsschild oder LED Anzeigen können auch manchmal lebensrettend sein. Toller Blog und sehr gute Beiträge!

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