BlogUnd weg waren die Jodpräparate

Und weg waren die Jodpräparate

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Gestern konnte man überall in Japan ein ganz interessantes Phänomen beobachten: Hausfrauen und Rentner, die ganz plötzlich alle Drogerien im ganzen Land stürmten. Binnen Minuten war der gesamte Vorrat von Isojin ausverkauft – und zwar im ganzen Land. Was war passiert?

Der beliebte, junge Governeur von Osaka, Hirofumi Yoshimura, pries auf einer Pressekonferenz ein Medikament, das in Japan unter dem Namen „Isojin“ bekannt ist. Der Hauptwirkstoff ist Povidon-Iod – es handelt sich um eine schlichte Jodtinktur, die zur Desinfektion von Wunden, aber auch verdünnt zum Gurgeln benutzt wird und in Deutschland unter dem Namen Betaisodona, Braunol, Braunovidon, Polydona, Polysept usw. verkauft wird. Diese Jodtinktur fehlt in keinem japanischen Haushalt – zumindest in keinem, in dem Kinder wohnen.

Der Governeur gab auf der Pressekonferenz bekannt, dass es eine erfolgversprechende Studie gab – Patienten mit milden COVID-19 Symptomen, die mit dem Mittel gurgelten, testeten zu 9.5% positiv auf den Corona-PCR-Test, verglichen mit 40% einer Kontrollgruppe, die lediglich mit Wasser gurgelten. Einziger Makel an dem Test: Die Gruppe bestand aus gerade einmal 41 Personen. Die „Kaufempfehlung“ ist damit ähnlich gewagt wie Trump’s beharrlicher Hinweis auf das Malariamittel Chloroquine als Heilmittel.

Der unüberlegte Vorstoss sorgte natürlich für ein Kopfschütteln bei etlichen Experten. Selbst die Aussage „das ist ein Allerweltsmedikament und schadet niemandem, also kann es nicht schaden, es zu versuchen“ ist gewagt, denn mitnichten kann oder sollte jeder mit Jodtinktur gurgeln. Natürlich werden es von jetzt an aber Millionen Japaner tun – zumindest die, die schnell genug waren, zum Drogeriemarkt zu rennen, denn so viel steht fest: Jodtinkturen werden so schnell nicht auf den Markt zurückzukehren. Immerhin ist der überteuerter Weiterverkauf von Jodtinkturen verboten, da es als Medikament gilt. Bei Masken hingegen, immer noch schwer erhältlich, und wenn dann oft von schlechter Qualität, hat die Regierung in dieser Woche unverständlicherweise beschlossen, das Weiterverkaufsverbot aufzuheben. Geschäftemacher dürfen von jetzt an also wieder so viel für die Masken verlangen wie sie wollen.

tabibito
tabibitohttps://japan-almanach.de
Tabibito (旅人・たびびと) ist japanisch und steht für "Reisender". Dahinter versteckt sich Matthias Reich - ein notorischer Reisender, der verschiedene Gegenden seine Heimat nennt. Der Reisende ist seit 1996 hin und wieder und seit 2005 permanent in Japan, wo er noch immer wohnt. Wer mehr von und über Tabibito lesen möchte, dem sei der Tabibitos Blog empfohlen.

1 Kommentar

  1. Ich bin ein wenig besorgt, dass das immer noch funktioniert. Mal verkündet eine ältere Dame im TV, dass Bananen gegen Abnehmen helfen – und schon sind am nächsten Tag alle Bananen in Japan ausverkauft. Umgekehrt wird das Gerücht eines Schadstoffes in einem Tee verkündet – und das betroffene Unternehmen an den Rand des Ruins gebracht.
    Aber es ist auch nicht das Zeitalter von Wissenschaft und Fakten…

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